Ich habe nie verstanden, wieso sich die Karl-Heine-Straße nicht entwickelt hat.

Sebastian Stiess

Lesedauer: 5 Minuten

Sebastian Stiess wagte es sich das Gründstück in der Josephstraße anzueignen, das mit seinen 4,8 Millionen Euro Grundschulden sogar den Freistaat Sachsen abschreckte. Mit sportlicher Hartnäckigkeit erreichte er, dass die Gläubiger auf die Grundschulden verzichteten.

Hättest Du das alles noch einmal gemacht, wenn Du gewusst hättest, worauf Du Dich einlässt?

Ja, hätte ich. Aber vielleicht in Teilen anders entwickelt. Es gab zwei herrenlose und hochverschuldete Grundstücke. Die Grundstücke gehörten niemandem mehr, weil ein früherer Käufer den Kauf nicht vollzogen hatte und der Vorbesitzer zum Zeitpunkt einer möglich Rückabwicklung nicht mehr existierte, das heißt insolvent gegangen ist.

Die Sanierung des ehemaligen Industriegebäudes in Leipzig Lindenau geht langsam aber stetig voran.
Einen Teil der ehemaligen Robert Scholz Fabrik wird zur Zeit von Sebastian Stiess saniert, um ihn später selbst als Wohn- und Arbeitsbereich zu nutzen.

Insgesamt waren die Grundstücke mit 4,8 Millionen Euro belastet. Wie hast Du es geschafft, diese wegzudiskutieren?

Es gab keinen Rechtsnachfolger für die Grundstücke und vier Banken waren als Gläubiger mit insgesamt circa 4,8 Millionen Euro im Grundbuch eingetragen. Das war eine absurde Summe, die dadurch entstanden war, als man mehrere Grundstücke aus Sachsen und Thüringen in den 1990er Jahren zusammengenommen und alle gemeinsam mit Hypotheken belastet hatte. Man fragt sich, wer solch eine Ruine als Sicherheit akzeptierte, aber damals hat offenbar niemand etwas überprüft. Am schwierigsten bei den Verhandlungen mit den Banken war, als Ansprechpartner ernst genommen zu werden. In der Regel werden Verhandlungen über Grundschulden zwischen den Vertragspartnern geführt und Dritte haben dort keinen Zugang. Die Schuldner gab es aber nicht mehr. Es hat eineinhalb Jahre gedauert, alle Rahmenbedingungen zu klären und einen Vertrag mit dem erstrangig eingetragenen Gläubiger abzuschließen. Denn mit der Aneignung gehörte mir das Grundstück mit allen Rechten und Pflichten. Auch die nachrangig eingetragenen Banken haben dann dem Vertrag zugestimmt.

Darauf haben sich die Banken eingelassen?

Es ist so, drei der vier Banken waren froh, überhaupt noch etwas zu bekommen. Diese wären bei einer Zwangsversteigerung leer ausgegangen, da die erstrangig eingetragene Grundschuld bereits einem möglichen Auktionserlös einer Zwangsversteigerung überstieg. Das muss man natürlich erst einmal so weit durchblicken. In dieser Zeit habe ich viel gelernt und irgendwann hat es mich auch nicht mehr losgelassen. Das war dann eine sportliche Angelegenheit.

Ein Betonmischer steht auf der Baustelle in der Josephstraße in Leipzig Lindenau
Entlüftungschacht und Ventilator des ehemaligen Industriegebäudes im Bildhauerviertel Leipzig.
Eine Topfpflanze steht vor einer Haustür auf dem Gelände des zu sanierenden Areals in der Josephstraße.
Ein Transporter steht im Hof des zu sanierenden Gebäudes im Bildhauerviertel Leipzig.

War das für die Banken dann der Spatz in der Hand?

Ja, denn 2008 war noch nichts von der jetzigen Entwicklung abzusehen. Das war auch der Grund, warum der Freistaat Sachsen darauf verzichtete, sich das Grundstück selbst anzueignen. Auch für uns war es ein unkalkulierbares Risiko. Man hat Kosten für den Notar, muss die ausgehandelten Summen an die Banken auszahlen, Grundsteuer und sonstige kommunale Kosten nachzahlen. Am Ende war es finanziell vergleichbar mit einem ganz normalen Kauf eines vergleichbaren Gebäudes zu dieser Zeit. Mein einziger Vorteil war, dass ich keine Grunderwerbssteuer zahlen musste, weil es keinen Kaufpreis gab.

Dann gab es noch die spannende Begebenheit, als sich ein anderer vor Dir ins Grundbuchamt eintragen lassen wollte.

Ja, das war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das er aufgrund eines Formfehlers verloren hat. Er wollte das Gebäude komplett wegreißen, hat aber die sanierungsrechtliche Genehmigung nicht beantragt. Das war schon spannend. An dem Tag, an dem ich nach monatelanger Arbeit alles geklärt hatte und für das Aneignungsverfahren beim Notar war, sagte der mir, dass sich am Vortag jemand anderes das Grundstück angeeignet hat. Da fiel mir schon das Kinn runter.

Ich akzeptiere, dass Stadtleben eine gewisse Dynamik besitzt und diese wird dadurch geprägt, dass neue Räume erschlossen werden.

Über die Selbstnutzer-Initiative fanden sich fünf Familien, welche nun die Räume im Vorderhaus nutzen.
Über die Selbstnutzer-Initiative fanden sich fünf Familien, welche nun die Räume im Vorderhaus nutzen.
Dank des Bauparagrafen 34 war es möglich, auf dem Dach des Gebäudes eine Terrasse zu schaffen.
Dank des Bauparagrafen 34 war es möglich, auf dem Dach des Gebäudes eine Terrasse zu schaffen.

Welchen Eindruck hat die Straße und das Viertel auf Dich gemacht?

Ich habe nie verstanden, wieso sich die Karl-Heine-Straße nicht entwickelt hat. Ich kenne diese schon seit Mitte der 1990er Jahre. Da war sie für mich schon eine der schönsten Straßen Leipzigs – zumindest sah ich das Potenzial. Die Platanen und die breiten Fußwege erinnerten mich an den Cour Mirabeau in Aix-en-Provence, wo sich die Straßencafés aneinanderreihen. Die richtige Aufmerksamkeit erhielt sie dann erst zehn Jahre später durch das Westpaket.

Gab es etwas, dass Du Dir für das Viertel gewünscht hast?

Ich wünschte mir, dass es einfach dichter werden würde. Diese ganze Debatte um die Gentrifizierung kann ich bei der Josephstraße nicht nachvollziehen, da die Hälfte der Häuser damals dort leer standen. Diese Art der Verdrängung gibt es natürlich generell. Aber ich akzeptiere, dass Stadtleben eine gewisse Dynamik besitzt und diese wird dadurch geprägt, dass neue Räume erschlossen werden. In Deutschland sind wir sehr darauf fixiert, dort begraben zu werden, wo man über Jahrzehnte gelebt hat. Die Holländer kaufen sich eine Wohnung, verkaufen sie nach fünf oder zehn Jahren und ziehen weiter.

Innenausbau des Gebäudes in Leipzig Lindenau
Innenausbau des zu sanierenden Gebäudes im Bildhauerviertel Leipzig

Bekommst Du mit, was mit den Nachbarschaftsgärten passiert?

Ja, natürlich. Das ist bedauerlich, aber es war auch absehbar. Es war eine Zwischennutzung. Viele dieser Vereinbarungen laufen jetzt nach fünf bis zehn Jahren aus. Der Markt hat sich geändert, man will wieder bauen. Und die Stadt verträgt das auch. Das sind normale Entwicklungen. Der Einzelfall ist immer schwierig und man muss natürlich versuchen, diesen sozialverträglich über die Bühne bringen.

Siehst Du die Entwicklung der Josephstraße positiv? Diese Vielfalt, dass die Straße saniert ist, dass es den BuchKindergarten gibt?

Ich finde gut, was hier entstanden ist. Es ist Kraut und Rüben, aber es ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Straße von unten heraus entwickelt hat, um den Bedürfnissen der einzelnen Akteuren gerecht zu werden. Da ist jedes Haus anders, eben wie die vielen Geschmäcker, die da rein spielen.

Sebastian Stiess auf der Terasse des Gebäudes in der Josephstraße

Welche Projekte sind Dir besonders positiv aufgefallen?

Auf jeden Fall der BuchKindergarten und der verkehrsberuhigte Bereich, das bringt eine ganz andere Ausstrahlung und Publikumsverkehr für die Straße. So erhält das eine Bedeutung über den Stadtteil hinaus, die ganze Straße hat eine andere Bedeutung bekommen.

Dieses Gespräch ist Teil einer Dokumentation über die Entwicklung des Bildhauerviertels in Leipzig Lindenau. Die Broschüre enstand in enger Zusammenarbeit mit dem Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) und dem Lindenauer Stadtteilverein e.V..

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