Die Straße schrie danach belebt zu werden.

René Reinhardt

Lesedauer: 20 Minuten

Die Schaubühne Lindenfels ist Theater, Kino und Restaurant in einem. Sie wurde ursprünglich als Vereinsinitiative gegründet und 1994 als Theater - und Filmkunsthaus eröffnet.

Die Schaubühne ist in mehrfachem Sinn ein offenes Haus. Sie bietet jungen Initiativen und Künstlern ein Präsentationsforum, veranstaltet Filmreihen, Diskussionsrunden, Lesungen und mehr. Vor allem aber waren und sind deren handelnde Personen Initiatoren und Katalysatoren vieler Entwicklungen und Projekte, die den Leipziger Westen zu dem gemacht haben, wie wir ihn heute erleben.

Wir sprachen mit René Reinhardt, der 1993 gemeinsam mit Anka Baier beschloss, das brachliegende Gebäude als Theaterhaus zu nutzen.

Wie war es denn vor zwanzig Jahren hier in Leipzig, als du von Jena hierher kamst? War die Suche nach einer Bühne der Grund, nach Leipzig zu kommen? Wie fing das an?

Ja, das war der Hauptgrund. Wir wollten ein eigenes Theater gründen. Anka Baier und ich als Kern und ein paar Freunde, die wir um uns geschart hatten. Mit den Erfahrungen, die wir am Theaterhaus Jena gemacht hatten und mit ein paar veränderten Prämissen, suchten wir nach einem Ort und um unsere Theatergruppe zu etablieren.

Wir haben unser Studium ja noch in der DDR begonnen und zu dessen Hälfte kam der Bruch durch die Wende. Wir befanden uns plötzlich in einer neuen Situation, in einer neuen Welt.

Wir waren für das Stadttheater ausgebildet worden, aber da wollten wir nicht hin. Spätestens mit der Wende wurde uns klar, dass wir mit den Freiheiten auch etwas anfangen sollten. Wir haben von einer eigenen Truppe geträumt. In Jena hat sich das nur teilweise erfüllt. Für einen weiteren Versuch kamen für uns nur Berlin, Dresden oder Leipzig in Frage, weil sie groß genug waren und wir uns aus irgendeinem Grunde (noch) nicht so fühlten, als könnten wir nach Köln, Mainz oder Hamburg gehen. Wir wollten schon weiter hier im Osten etwas tun. Ich wollte damals aber auch nicht nach Berlin zurück. Ich hatte das Gefühl, in Berlin muss immer schnell etwas Großes her. Wir brauchten mehr Zeit. In Berlin kannten wir auch keinen so tollen Raum. Da war Leipzig perfekt. Größer als Jena, kleiner als Berlin.

Ich wollte damals nicht nach Berlin. Leipzig war perfekt. Größer als Jena, kleiner als Berlin.

Blick auf die Bar des Café Nora Roman in Leipzig Lindenau.
Betritt man die Schaubühne Lindenfels in Leipzig Lindenau, gelangt man zuerst in den großen Raum der Hausbar.
Betritt man die Schaubühne Lindenfels, gelangt man zuerst in den großen Raum der Hausbar.

Kanntet Ihr das alte Lindenfels noch aus DDR Zeiten?

Anka kannte Leipzig, weil sie hier aufgewachsen ist. Sie kannte die Schaubühne als Kino, das 1987 noch kurz vor der Wende geschlossen wurde. Sie kannte auch Dresden gut, weil sie acht Jahre auf die Palucca Schule gegangen ist.

Wie war das Lebensgefühl damals, 1994 in Leipzig?

Also Leipzig war erst einmal interessant. Wir haben uns die Schauburg angesehen und das Lindenfels. Als Gebäude und als Ort hat uns beides sofort angesprochen. Im Vergleich war die Karl-Heine-Straße die interessantere Straße. Sie war natürlich nicht so belebt, wie die Antonienstraße. Sie war wirklich tot. Und der Zustand hier im Leipziger Westen war selbst nach unseren Erfahrungen in Jena ein Schock. Dort gab es zwar auch leere Straßen nach 18 Uhr. Aber hier war ja auch am Tag keiner auf der Straße. Es herrschte Tristesse.

Nur war das für uns nicht abschreckend genug. Wir hatten uns ja auch vorgenommen, außerhalb einer Citylage, wo alle anderen bereits sind, etwas zu tun und wahrgenommen zu werden.

In welchem Zeitraum?

Schon mit den Eröffnungsmonaten. Wir wollten den Mangel vor Ort zum Vorteil machen. Es gab hier nicht nur nichts, die Gegend war auch mental ausgebrannt. Die Depression war körperlich spürbar. Sie saß fest bei den Leuten. Die Ängste vor Überfremdung begannen bereits, wenn jemand aus Berlin kam. Das wurde uns schnell bewusst.

Als Reaktion darauf haben wir nicht nur begonnen, draußen zu plakatieren, Zettel zu verteilen und in Briefkästen zu werfen. Wir haben mit den Leuten aus den (noch vorhandenen) Fabriken Kontakt aufgenommen, die anschließend mitwirkten bei der Freilegung. Das war der Impuls. Wenn man hier an diesem tollen Ort etwas machen will, dann muss man sich auf das Ding auch einlassen, auch über das Theater hinaus.

Man hat uns ausgelacht, als wir von Tourismus als Option für den Leipziger Westen sprachen.

Aufgang zum Programmkino, für das die Schaubühne bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.
Treppenaufgang zum Grünen Salon …
Treppenaufgang zum Grünen Salon, dem Programmkino der Schaubühne Lindenfels.
… dem Kinosaal der Schaubühne.

Und es war von Anfang an euer Plan, nicht nur eine Bühne zu schaffen auf der ihr spielen könnt, sondern auch den Ort hier mitzugestalten?

Ja, das ist die Grundannahme von der Idee, wie wir Theater verstehen. Keine in sich zurückgezogene Truppe, die nur für Theaterbegeisterte spielt. Wir wollten etwas, das über diese Bühne, das konkret verhandelte Theaterstück und das Haus, in dem es stattfindet, hinausgeht. Wir wollten die Stadt selbst als Bühne begreifen.

Für uns war es die Karl-Heine-Straße mit ihren sehr breiten Gehwegen von Anfang an ein Ort, der nach Leben schrie. Viele andere Straßen in Leipzig sind von ihrer Struktur sehr eng und unwirtlich und kein Stuhl oder Tisch würde auf ihnen Platz finden. Das ist hier anders. Es schrie einfach danach belebt zu werden.

Anfang der 90er Jahre wurden wir einmal von der Stadt gefragt, welche Handlungsoptionen wir für den Leipziger Westen sehen. Wir nannten Tourismus und kulturelle Besiedlung. Da hat man uns ausgelacht.

Die Potentiale, die in der Industriegeschichte lagen, haben damals schon einige gesehen. Und auch die Geschichte des Kapitalismus ist hier erlebbar. Der Zusammenbruch der Industrie zur Wende leitete die Situation heute ein. Aber dass es auf diesem postindustriellen Gebiet eine kulturelle Blüte geben kann, das wollte man nicht erkennen. Gäste aus dem Ausland haben das Potential dieses Ortes meist sofort gesehen, Gäste aus Westdeutschland manchmal, die Einheimischen nur selten.

Wie weit habt ihr da in die Zukunft gedacht, als ihr hier begonnen habt?

So weit in die Zukunft kann man ja nicht schauen. Aber wir haben einen Mietvertrag mit einer Laufzeit von zwölf Jahren unterschrieben. Immer stellt man sich dann die Frage, ob man die richtige Entscheidung getroffen hat.

Zwei von uns hatten diesen Gewerbemietvertrag unterschrieben und waren dadurch eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts geworden. Das wussten wir zu diesem Zeitpunkt nur nicht, weil wir uns nicht damit beschäftigt hatten. Das hatte Folgen. Es ist immer ein Teil dieses Projektes gewesen, erst einmal in das Wasser zu springen und dann zu überlegen, wo die nächste Küste sein könnte. Es hätte also auch anders enden können.

Trotz aller Widerstände habt ihr immer weiter gemacht. Ihr seid nie gekentert. Hat sich euer Team stark verändert?

Das große und das kleine Scheitern gehört zu solchen Projekten. Es ist ja auch toll. Außer für den, der endgültig scheitert und seine Ideen abschreibt. Aber wenn man sich darüber gewahr werden kann, ist es wieder gut. Das hat hier immer wieder stattgefunden, vor allem das kleine Scheitern. Die Frage ist, warum das eine Projekt über die Zeit aufblüht und sich entwickelt und das andere eingeht.

Es ist ja auch nicht vorauszusehen. Es hat mit den Akteuren zu tun, mit denen man gemeinsam aufbricht. Vielleicht auch mit „Leadership”, mit Leuten, die irgendwie die Fahne in die Hand nehmen oder die Verantwortung übernehmen. Vom Anfangsteam sind Anka im Aufsichtsrat und ich als Vorstand der Schaubühne Lindenfels noch direkt involviert. Die Anderen sind nach und nach aus verschiedensten Gründen ausgeschieden. Wegen der Reibung, weil sie eine Familie gegründet haben oder weil sie den Stress nicht weiter aushalten wollten.

Es stand die Möglichkeit im Raum, dass das Haus unter den Hammer kommt und wir dann ziemlich blöd dastehen.

Blick in den historischen Ballsaal der Schaubühne Lindenfels in Leipzig Lindenau.
Blick in den Ballsaal der Schaubühne Lindenfels, der aus der Epoche des Jugendstils stammt.
Im historischen Ballsaal der Schaubühne finden regelmäßig Theateraufführungen, Konzerte, Film-Premieren und zahlreiche weitere Veranstaltungen statt.

Als der Mietvertrag nach zwölf Jahren ausgelaufen ist …

Ausgelaufen wäre. Das wäre im Jahr 2005 passiert, doch unser Vermieter hat uns vorher den „Gefallen” getan, in Insolvenz zu gehen. Das hat die Problematik vergrößert. Nun stand nicht nur der Mietvertrag in Frage, es stand auch die Möglichkeit im Raum, dass das Haus unter den Hammer kommt und wir dann ziemlich blöd dastehen. Nämlich ohne Haus, das wir mit den Helfern, der Stadt und unseren Vereinsmitgliedern aufgebaut hatten. Der ehemalige Besitzer hat die Miete kassiert aber keinerlei Geld investiert.

Die Miete stieg zusätzlich mit den Jahren. Das war auch unserer Naivität beim Vertragsschluss geschuldet. Die Zeit vergeht dann doch schnell und wir mussten eine höhere Miete aufbringen. Dann kam die Insolvenz und für uns stellte sich die Frage, ob wir das Haus aufgeben oder es eben selber zu kaufen. Wir haben uns dann für die zweite Variante entschieden, was weitere schwierige Verhandlungen mit sich brachte. Der Insolvenzverwalter wusste, dass er uns ganz gut drücken kann. Irgendwann haben wir uns auf eine Zahl geeinigt - ohne das Geld zu haben.

Und dann?

Tja, wie geht das jetzt? Zuerst hatten wir keine Ahnung wie. Wir dachten nur, es muss irgendwie gehen. Dann hatten wir die Idee mit der Publikumsgesellschaft, die Kernidee unserer heutigen Aktiengesellschaft. Wir haben mit möglichen Partnern gesprochen, der Stadt, der Brauerei, die hier durch die Gastronomie involviert war, mit der Bank. Die Brauerei und die Stadt hatten schließlich den Mut einzuspringen. Damit hatten wir die 200.000 Euro zusammengeborgt, um weiterzumachen.

Wir waren so naiv, anfangs nur den Kaufpreis zu bedenken, nicht aber die noch notwendige Sanierung des Gebäudes. Wir haben es als Impuls gesehen, um etwas Neues zu machen. Hier passt das Bild der Expedition. Du willst los, um ein Land zu entdecken und um dort etwas mit den vorhandenen Rohstoffen zu machen. Uns aber fehlte das Schiff. Also laufe ich los und finde jemanden, der uns zu einem Schiff verhilft. So entstand die Idee der Aktiengesellschaft. Auch im ursprünglichen Sinne genau so, weil Enterprises finanziert werden sollten.

Wir wollten nicht umziehen oder in einer anderen Stadt wieder von vorne beginnen. Wir wollten an diesem Ort weitermachen.

Die Schaubühne Lindenfels ist eine gemeinnützige Aktiengesellschaft.
Die Schaubühne Lindenfels die erste ostdeutsche gemeinnützige Aktiengesellschaft und der einzige Kulturbetrieb Deutschlands mit dieser Rechtsform. Durch den Kauf einer Aktie zum Stückpreis von 24 Euro wird man Miteigentümer von Haus und Theaterbetrieb. In einer limitierten Auflage von jeweils 1.000 Stück wurden Anteilsscheine von verschiedenen Künstlern gestaltet und signiert.

Was war die Unternehmung der Schaubühne?

Dieses Haus seeklar zu machen. Und auf Theatererkundungen zu gehen.

Was hieß das konkret für die Schaubühne? Als ihr das Haus gekauft habt, waren ja zehn Jahre vergangen, zwölf sogar. Was habt ihr euch für die kommenden zehn Jahre vorgenommen?

Da waren ja schon einige Krisen gemeistert. Es ging darum, dass die Schaubühne die Kraft hat, dauerhaft zu existieren.

Und das Viertel positiv zu beeinflussen? Oder mit welchen Sätzen habt ihr die Brauerei und die Stadt dazu gebracht, einzuspringen?

Ja, die Wirkung für den Stadtteil war damals noch ein Versprechen. Aber ein durchaus überprüfbares Versprechen. Es gab ja viele Aktionen die man jetzt aufzählen könnte, unter anderem das Langzeitprojekt „Jahrtausendfeld“ 1999 bis 2001 - ein echtes Kornfeld mitten in der Stadt. Da wurde auch über die pure Dimension Wirkung erzielt.

Dann konnten wir das tägliche Programm in der Schaubühne in die Waagschale werfen. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon so viel Energie in die Schaubühne gesteckt, so viele Leute begeistert. Wir wollten nicht umziehen oder in einer anderen Stadt wieder von vorne beginnen. Wir wollten an diesem Ort weitermachen. Kontinuität ermöglichen.

Es ist ein langfristiges Projekt, kein Hype, wir arbeiten mit der Zeit. Aber wir waren auch immer schon darauf angewiesen an das Jetzt zu denken. Förderungen gab es lange immer nur für ein paar Monate, dann musste wieder geschaut werden. Es ist toll von der Stadt gefördert zu werden, aber es reicht immer nur von einem Jahr zum nächsten.

Das Theatergeschäft ist wirtschaftlich immer defizitär. Die Einnahmen reichen nicht, um alle zu bezahlen. Und mit der jährlichen Förderung, war es immer noch nicht möglich auf Jahre im Voraus zu planen. Aus diesem Grund gab es damals auch von der Bank keine Unterstützung.

Wir wollten aber die Situation verbessern, indem wir keine Miete mehr zahlen müssen. Auch wenn wir dann die langfristige Verpflichtung haben, das Gebäude zu sanieren und instand zu halten. Eine wirkliche Grundsanierung haben wir dann auch nie gemacht. Das war nicht möglich und das macht auch den Charme dieses Ortes aus. Man macht hin und wieder Pläne, lässt Gutachter kommen und den erstellten Kostenvoranschlag dann schnell wieder verschwinden, weil man ja weiß, dass man die Umsetzung nicht finanzieren könnte.

Im Grünen Salon, im Obergeschoss der Schaubühne Lindenfels in Leipzig Lindenau, werden regelmäßig Filmreihen gezeigt, die ausgewählten Regisseuren gewidmet sind.
Im Grünen Salon, im Obergeschoss der Schaubühne Lindenfels in Leipzig Lindenau, werden regelmäßig Filmreihen gezeigt, die ausgewählten Regisseuren gewidmet sind.
Im Grünen Salon, im Obergeschoss der Schaubühne Lindenfels, werden regelmäßig Filmreihen gezeigt, die ausgewählten Regisseuren gewidmet sind.

Als ihr vor zehn Jahren das Haus gekauft habt, war die Karl-Heine-Straße ja immer noch tot. Wie habt ihr euch die nahe Zukunft vorgestellt?

Es gibt ja immer Tag- und Nachtgedanken, nächtliche Visionen und tägliche Konfrontationen. In diesem Hin und Her von Momenten gab es den stehenden Satz: „Komm, es muss doch einen Tieflader geben, auf den wir die Hütte hier aufladen und dann ab nach Berlin.” Dieser Satz verfolgt dich alle paar Monate. Immer wenn mal wieder jemand vom Bauordnungsamt kam und sagte, das ginge so nicht. Oder wenn man hier großartige Sachen macht und nur fünf Leute kommen. Das gehört dazu und es gab dann auch den Moment zu sagen: Jetzt erst recht! Diesmal waren es schon fünfzehn Leute, das ist doch ein Erfolg!

Unser erstes Theaterstück „Der Golem” war ein extrem aufwendiges Stück, mit Leuten aus Tschechien, Deutschland, Amerika und der Schweiz. Da hätten wir uns schon einen wärmeren Empfang von den Leuten aus der Kulturszene gewünscht. Es war ein Fremdeln in der Szene spürbar. Aber dann steht man an einem sonnigen Tag auf einer riesigen Brache und ist begeistert von den Möglichkeiten dieses Ortes. Von dieser sonderbaren Struktur, den Wohnhäusern neben den Industriebauten, den großartigen Gleisanlagen – die leider inzwischen zum größten Teil verschwunden sind –, von dem Kanal, dem Jahrtausendfeld, auf dem man unbeobachtet war, mitten in der Stadt. Und man kann kaum glauben, dass nicht jeder dieses Potential sehen kann.

Es gab aber andere, die es spürten und begannen, ihre Ideen umzusetzen. Ein paar Orte haben wir dann auch mitmarkiert. Die erste Tangofabrik zum Beispiel, auf der Spinnerei. Einer hatte die Idee, wir haben so gut wir konnten bei deren Umsetzung mitgeholfen und plötzlich gab es diesen Tangoladen und heute diese unglaubliche Tangoszene. Oder Jim Whiting mit seinem bimbotown. Solche Dinge sind hier einfach möglich geworden.

Als wir den Westbesuch ins Leben riefen, war dies eine Intervention. Wir wollten wir zeigen, dass hier Leben auf der Straße möglich ist.

Und jetzt 20 Jahre später, nachdem ihr den Ort für euch ausgesucht und mit gestaltet habt, wie wirkt die Entwicklung auf euch? Ist das etwas was euch freut, reibt ihr euch die Hände, weil jetzt auch mal ein bisschen Geld zu euch kommt?

Das mit dem Geld muss man gesondert betrachten. Das verteilt sich ja auch über die Straße. Jemand kauft dort Reis, dort einen Hot Dog und so weiter. Das ist ja auch gut. Wäre nur schade, wenn es zu einer gastronomischen Monokultur verkommt, wie man es auf der Karl-Liebknecht-Straße oder Gottschedstraße beobachten kann. Dort gab es ja eine ähnliche Entwicklung vor ein paar Jahren. Aber bis hierhin kann man sagen, dass das eine großartige Entwicklung ist.

Falls man unzufrieden ist, dann sollte man sich noch einmal auf die Straße stellen und sich das Bild in Erinnerung rufen, als hier noch nichts los war. Als wir den Westbesuch ins Leben riefen, war dies eine Intervention. Wir wollten zeigen, dass hier Leben auf der Straße möglich ist.

Ähnlich wie in dem Film Notting Hill, in dem Hugh Grant in einer Einstellung über einen Straßenmarkt geht und gleichzeitig vier Jahreszeiten durchlebt.

Im Ernstfall wollten wir sogar Statisten bezahlen: Die kriegen alle einen Tee oder Kaffee und denken, sie sind Teil eines Filmprojekts. Aber das war gar nicht notwendig. Die Leute waren auch so schon vom ersten Mal an da. Wir haben diese Form des Straßenfestes nicht neu erfunden, aber für diesen Ort neu definiert, kreiert, sichtbar gemacht. Spürbar gemacht, was hier möglich ist. Ein Trödelmarkt, der auch Kunstfest ist. Wir wollten den Menschen die Straße zeigen, in der Hoffnung, dass sie bleiben, die leerstehenden Läden mieten und ihre Sachen dort herstellen und verkaufen. Bis 2006 war es offenbar nicht vorstellbar, dass diese Straße belebt sein kann.

Im Nachhinein ist es schon verrückt, dass es solange gedauert hat. Ab 2008 ging es dann auch relativ schnell und darüber kann man sich freuen. Die Depression, die hier Mitte der 90er Jahre herrschte, wünscht man niemandem.

René Reinhardt ist Mitgründer der Schaubühne Lindenfels.
René Reinhardt studierte Schauspiel in Berlin und ist Gründer der Schaubühne Lindenfels und deren künsterischer Leiter.
Hinter den Kulissen der Schaubühne in Leipzig Lindenau.
Ein Blick hinter die Kulissen der Schaubühne, welche die Besucher selten zu Gesicht bekommen.

Die erste Flaschengeneration stand an der Ecke, weil die ganzen Betriebe geschlossen wurden. Und jetzt stehen die Jüngeren mit den selben Biermarken wieder dort.

Was bleibt von den vergangenen 20 Jahren?

Die Schaubühne ist Teil des Vorlaufs gewesen, mit dem Halten und Sichtbarmachen von Dingen. Als wir den Westbesuch umsetzten, gab es schon ein Mindestmaß an Akteuren, die hier vorhanden waren. Es hat großen Spaß gemacht zu sehen, dass auch andere sich engagieren.

Der Westbesuch war der Beweis, dass die Karl-Heine-Straße das Potential hat lebendig zu sein. Anders als Straßen, die nur Einzelhandel beherbergen. Die Berater der Stadt hatten lange nur auf dem Schirm, was unmittelbar umsatzsteigernd ist. Durch Läden, durch Gastronomie, durch Einzelhandel. Mittlerweile findet ein Umdenken statt und es kam der Begriff der Kreativwirtschaft auf. Nun kann man schon wieder die Uhr stellen, wann man wieder etwas anderes hören möchte.

Was kann hier passieren? Die Entwicklung hier kann sich selbst überrollen und zur Monokultur werden. Wenn jetzt nur noch eine Zielgruppe, eine Generation hier herumrennt, weil auf irgendeinem Netzwerk stand, dass das hier jetzt Hipp ist, dann muss man das auch aushalten.

Ähnlich wie die langen zehn Jahre ohne sichtbare Entwicklung. Mit den Leuten im Viertel, die stets die Flasche in der Hand hatten und an der Trinkerecke standen. Die erste Flaschengeneration stand an der Ecke, weil hier die Fabriken geschlossen wurden. Und jetzt stehen die Jungster mit den selben Biermarken, die jetzt wieder angesagt sind, an den fast gleichen Ecken. Ironie der Stadtteil-Geschichte.

Hat sich für dich die Funktion der Schaubühne verändert?

Das Grundkonzept hat sich natürlich überhaupt nicht verändert. Die Idee ein eigenes Theater zu machen, ist sogar in den letzten Jahren wieder richtig belebt worden. Das lag natürlich auch daran, dass wir uns vermehrt um das Geld für das Haus und um das Haus selbst kümmern mussten. Es gibt jetzt wieder ein richtiges Ensemble, so wie zur Gründungszeit.

Die Schaubühne zeigt Filmreihen, die ausgewählten Regisseuren gewidmet sind und möchte Filmgeschichte aufarbeiten, nicht nur Arthouse Programm zeigen. Und weil es ein offenes Haus ist, passen dann eben auch solche Dinge wie die Tangotage rein. Wir sind das Festivalhaus der Stadt. Und das ganz unbemerkt. Das Theaterfestival euro-scene, Jazztage, A-Capella-Festival, Dok-Woche die größten Festivals der Stadt finden auch hier statt.

In Bezug auf den Stadtteil hat sich verändert, dass wir hier nicht mehr die Pionierpflanze sein müssen und auch nicht das Mutterschiff. Das ist nicht mehr unsere Aufgabe. Aber zu schauen, dass dieses Quartier hier immer noch Spaß macht, das ist unsere Aufgabe als ehemalige Pioniere. Wir können uns auch mal mit anderen zusammentun, eine Demonstration organisieren, um den Felsenkeller als Supermarkt zu verhindern. Wir haben mittlerweile eine bestimmte Öffentlichkeit und einen Status entwickelt, um auch einmal auf etwas aufmerksam machen zu können. Diese öffentliche Wahrnehmung wollen wir dort einsetzen, wo sie gebraucht wird. Wir möchten die kommende Entwicklung auch weiterhin mitsteuern.

Weil wir uns nicht mehr ausschließlich auf das Lokale konzentrieren müssen, können wir jetzt aber in unseren Produktionen auch internationaler werden. Wir können etwas mit Leuten von außerhalb unternehmen, ohne Angst haben zu müssen, dass hier vor Ort nichts mehr stattfindet.

Rauchen verboten. Ein Detail an einer Wand in den Räumen der Schaubühne.

Was erhoffst du dir für den Laden, der gegenüber der Schaubühne gerade saniert wird? (Mittlerweile hat dort eine Filiale einer Bäckereikette eröffnet)

Handwerk, syrische Handwerker. Wir hatten einmal angestoßen, zehn Läden an verschiedene Handwerke zu vergeben. Um diesen Gedanken zu etablieren, muss es neben uns aber noch von Anderen unterstützt werden. So viel Durchsetzungsvermögen hatten wir nicht und jetzt ist es etwas zu spät. Ich könnte mir auch noch eine Ticketgalerie vorstellen. Das ist zwar kein Handwerk, aber ein Laden, der einfach die Tickets für die vorhandenen Kulturstätten verkauft und auch eine Begegnungsstätte wird.

Seltenes Handwerk auch von woanders wäre natürlich etwas Besonderes. Dafür müssen wir uns zusammentun, damit die Energie für die Umsetzung ausreicht. Die nächste Welle kommt, wenn alle für 6,50 Euro veganen Döner verkaufen. Dann wird man merken, dass man noch etwas anderes braucht. Anders ist gut, Kontraste sind gut.

Du sprichst darüber, aber Du hast den Begriff Vielfalt noch nicht speziell erwähnt. Das war für mich immer der entscheidende Faktor in diesem Viertel, die unterschiedlichen Gebäudearten, die unterschiedlichen Szenerien in der Stadtlandschaft. Und das fehlt mir jetzt ein wenig, wenn ich jetzt die Karl-Heine-Straße entlang gehe.

Intervention ist ja ein anderes wichtiges Wort für uns auf der Straße. Damals 1993 war es eine große Intervention, die Schaubühne zu eröffnen, einen Westbesuch zu organisieren, ein Feld mit Pflug und Pferd zu bestellen. Eben die Stadt als Bühne, Performance im mehrfachen Sinn.

War die Treppe damals schon da? Weil die Schaubühne ja auch wortwörtlich den Straßenraum interveniert?

Ja, das war die privilegierte Situation dieses Gebäudes, das einmal Ballsaal war und eine Freitreppe hatte. Die heutigen breiten Gehwege waren früher einmal Vorgärten. Vorgärten mit kleinen Häusern dahinter - bevor Karl Heine kam. Die Schaubühne hatte damals schon eine Terrasse auf Höhe der damaligen Zäune und dieses Sonnendeck hat alles überdauert.

Das Jahrtausendfeld als Intervention war wichtig um zu zeigen, dass das Industriezeitalter vorbei war. Es müssen nicht immer Kornfelder daraus werden, aber versucht doch bitte einmal, in eine neue Richtung zu denken. Und das hat auch irgendwie gefruchtet.

Jetzt gilt es, der Mono-Kultur etwas zu entgegnen.

Wir brauchen neue Bilder, die eine neue Farbe reinbringen. Neuen Zuzug!

Gibt es noch andere Ideen, die ihr angedacht habt?

Das Haus gegenüber hatten wir einige Zeit als Kulturbotschaft bespielt. Der Schaubühne fehlt aber die Power, um das lange durchzuhalten. Was wäre, wenn wir einen Ort für Flüchtlinge installieren, der kein abgeschlossenes Gelände ist? Der die Kultur und das Können der Ankommenden sichtbar macht. Das Viertel müsste das Projekt adoptieren und durchführen. In der Josephstraße ist mit den Nachbarschaftsgärten ein Bild entworfen worden, wie ein Stadtteil auch funktionieren kann. Jetzt muss man eben weiterspinnen, Mehrgenerationen- und Mehrkulturenhaus. Oder Wohnungen für exilierte Schriftsteller. Es gibt eine bundesweite Initiative des PEN-Clubs bei der Leipzig noch fehlt, Leipzig die Buchstadt.

Wir brauchen neue Bilder, die eine neue Farbe reinbringen. Neuen Zuzug! Wir haben hier in Leipzig eine vorteilhafte Situation, in der so etwas möglich ist. Mit künstlerisch, sozialen Interventionen kann in dieser Stadt etwas erreicht und sichtbar gemacht werden. So wahnsinnig viele andere Orte, in der dies möglich wäre, gibt es nicht. Und: In der DDR wäre es beispielsweise nie möglich gewesen.

In Leipzig ist in den letzten 20 Jahren sehr viel entstanden. Das macht die Stadt ja auch so spannend.

Das ist ein sehr überschaubarer Zeitraum. Bei der Entwicklung dieses Stadtteils war nicht jeder Schritt immer logisch, aber im Nachhinein immer verständlich, nachvollziehbar. Jetzt ist ein Zwischenstand erreicht. Man hat ihn aus dem Nichts herausgeholt, aus der Depression herausgerissen. Will man das Geschaffene nun der Marktlogik überlassen? Jetzt braucht es wieder kreative Interventionen.

Die Schaubühne Lindenfels liegt an der Karl Heine Straße in Leipzig Lindenau.

Was wünschst du dem Viertel?

Kontrast. Der Westbesuch damals war einer, aber das war ja noch leicht. Ich wünsche mir ein belebtes Viertel, Vielfalt, Menschen, die hier ihre Kinder aufziehen wollen und Menschen, die hier arbeiten. Jetzt haben wir so viele Menschen, die ihre Kinder aufziehen, aber wenn du dich umhörst bekommst du gesagt, dass es vor vier Jahren noch schöner gewesen wäre. Aber es ist doch möglich, eine neue Vision zu entwickeln. Nicht einfach in den Leipziger Osten zu ziehen, um dort die Pionierphase noch einmal zu erleben.

Und ich glaube, dass dies hier vielleicht einfacher bleibt, als in anderen Metropolen, wo das langte nicht mehr möglich sein wird, weil wirklich alles verteilt und verkauft ist.

Es gibt Beispiele, in denen eine Gesellschaft dankbar war, weil etwas Neues hinzukam. Als die Hugenotten im 18. Jahrhundert nach Berlin kamen, da haben sich die verschiedenen Kulturen sehr schnell verwoben. Zum Glück für Berlin, das bis dahin eine langweilige Kleinstadt war. Berlin ist heute nicht vorstellbar ohne das Sprachliche und Atmosphärische, das Handwerk, die Kompetenz, die damals dazukam.

Warum holen wir uns nicht so einen Impuls für diesen Stadtteil und machen dem altdeutschen Demografie-Geschwätz eine Ende. Und was wäre das? Ich habe jetzt auch noch keine Antwort darauf, aber es ist unsere Aufgabe ein Projekt zu schmieden. Das kann ich als Künstler nicht alleine, aber die Schaubühne hat als Ort etwas dazu beizutragen.

Es ist noch möglich. Die Entwicklung dieses Stadtteils ist nicht abgeschlossen. Das Gewonnene ist nachvollziehbar und auch dass es hätte anders laufen können. Jetzt bringt man einen neuen Kontrast ein. Wir sollten bald mal bei einem Blick ins Teeglas darüber nachdenken.

Wer sind wir? Und was ist der Wunderwesten?