Die Entwicklung im Leipziger Westen ist schon ein zu diskutierendes Thema.

Anna Schimkat

Lesedauer: 7 Minuten

Anna Schimkat ist MitInitiatorin von „Lindenow“, einem Netzwerk unabhängiger Kunsträume Leipzig und MitGründerin der „AundV Projekt- und Hörgalerie“. Sie ist Meisterschülerin von Monika Brandmeier und lebt seit 2006 als freie Künstlerin in Leipzig.

Wir haben sie in ihrem Atelier in einem ehemaligen Wächterhaus in der Lützner-Straße besucht und sprachen über die Entwicklung des Leipziger Westens, die Veranstaltungen und Aktionen des Netzwerks und ihre eigenen Projekte.

Ein Blick über die Dächer von Lindenau. Im Hintergrund ist die Phillipuskirche zu erahnen.
Ein Blick über die Dächer von Lindenau. Im Hintergrund ist die Phillipuskirche zu erahnen.
Anna Schimkat auf dem Dach des Gebäudes in der Lützner Strasse in Leipzig Lindenau.
Anna Schimkat auf dem Dach des Gebäudes in der Lützner Strasse.

Was hat dich nach Leipzig gebracht? Hast du von Beginn an in Lindenau gewohnt?

Ich bin 2006 aus Wien nach Leipzig gekommen. Nachdem ich in Weimar am Bauhaus studiert habe, habe ich meinem Fluchtreflex nachgegeben und bin aus Deutschland weggegangen. Wien war für mich ein Tor zum Osten. Ich war interessiert an der Mischung, die sich aus der Grenznähe und der Historie der Stadt ergibt. Das zieht sich durch, auch nach Weimar hat mich die Neugier auf den Osten gezogen, auch wenn man sich das jetzt schon gar nicht mehr vorstellen kann. Ich habe von Anfang an in Lindenau gewohnt. Der Eindruck, den ich vom Westen von Leipzig hatte, öffnete in meinen Gedanken Räume. Die Alternative Berlin kam aus dem entgegengesetzten Grund schon 2006 nicht in Frage.

Anfang 2007 habe ich das Atelier in der Lützner Straße bezogen. Ende 2007 haben wir, eine Gruppe, die sich aus BewohnerInnen und AtleliernutzerInnen des Hauses gebildet hat, die AundV Projekt- und Hörgalerie gegründet. Das Bedürfnis nach einer Möglichkeit sich mit Kunst und ihrer Produktion in einem eigenen Raum auseinanderzusetzen ist schon im Studium laut geworden. In Leipzig konnte dies dank der gegründeten Gruppe Realität werden. Im Vordergrund stand der gemeinsame Entscheidungsprozess, die Konzentration auf auditive Kunstformen und die Beteiligung an einem gesellschaftlichen Diskurs, der über die Kunstproduktion hinausgeht.

Das Schaufenster der Galerie AundV befindet auf der Lützner Strasse in Leipzig Lindenau.
Ein Blick von der Lützner Straße auf die ehemalige »AundV Projekt- und Hörgalerie«.
Türbeschriftung an einem Haus in der Lützner Strasse in Leipzig.
Eine Nachricht an alle »Hypeziger«, die sich ein paar Meter weiter an der Tür des Hauses findet.
Innenansicht des Galerieraums in Lindenau.
Die letzte Aktion im »AundV«: Abschiedsparty mit Wandmalerei. Gegründet wurde die Galerie im Herbst 2007, als eigenständiger freier Kunstraum und Verein.

Die Galerie „AundV“ war in diesen sechs Jahren ein vielfältiger Experimentierraum, der dank der unterschiedlichen Menschen, die ihn betrieben, eine eigene Ausdrucksform und Profil gefunden hatten. Ein Ort an dem es möglich war Gedankenstränge zu formulieren, die weit über das Feld der Kunst hinausgingen und uns als Gruppe befähigt hat Aussagen zu formulieren, die abseits des marktwirtschaftlich orientierten Kunstmarktes Bestand haben.

Wie kam es zu dem Entschluss, die unabhängigen Kunsträume unter dem Namen „Lindenow“ zusammenzuschließen?

Das Netzwerk der unabhängigen Kunsträume im Leipziger Westen (bis 2012: Das Netzwerk der unabhängigen Kunsträume Leipzig-Lindenau) hat sich 2008 gegründet. Lindenow, das Festival, hat das Netzwerk zum „ausprobieren“ im Herbst 2008 ein erstes Mal gemeinschaftlich organisiert.

Verbunden hat das Netzwerk immer das gemeinsame Interesse an experimentellen Formaten, der nicht-kommerzielle Ansatz und der Bezug zum Ort an dem gelebt und gearbeitet wird.

Anfänglich waren die beteiligten Orte und Ihre MacherInnen um den Lindenauer Markt lokalisiert. Die neun Gründungsmitglieder sind/waren:

In die ehemaligen Kunsträume sind andere Kulturräume eingezogen, bis auf einen, in dieses Ladengeschäft ist ein Billigmarkt eingezogen.

Tobias Bernet (Mitbetreiber des HinZundKunZ) hat einmal wie folgt die Entwicklung beschrieben: „In der Anfangsphase waren wir so wenige, da mussten wir uns weit strecken, um uns an den Händen fassen zu können. Nun sind da so viele Leute, dass die Hände nicht mehr ausreichen.“

Im Jahr 2012 erweiterte sich das Netzwerk auf den gesamten Leipziger Westen, so dass von nun an nicht mehr nur 12 Kunsträume am Festival beteiligt sind, sondern an die 30.

Steine in der Galerie AundV in Lindenau.
Ein Detail in einem Nebenraum der Leipziger Galerie AundV

War es schwer, mit allen übereinzukommen? Hattet ihr die gleichen Ziele / Erwartungen?

Verbunden hat das Netzwerk immer das gemeinsame Interesse an experimentellen Formaten, der nicht-kommerzielle Ansatz und der Bezug zum Ort an dem gelebt und gearbeitet wird. So hat die stadtplanerisch motivierte „Aufwertung“ und die politische Entwicklung im Leipziger Westen immer wieder zu Reaktionen der Kunsträume geführt. Erwähnt sei hier als Beispiel die 2009 iniitierte Bustour »Ich sehe was, was du nicht siehst. - Weil nationale Zentren keine Hirngespinste sind.«. Dank des genutzten Doppelstockbuses war es möglich, über den vier Meter hohen Zaun des gerade gegründeten NPD Büros zu blicken.

Das Projekt mit dem Doppeldecker lief damals nicht als Demonstration, sondern es war eine Kunstaktion, eine Haltungsdemonstration. Bei der ersten Fahrt durch die Odermannstraße hat sich dem Bus schon einer der NPD angeschlossen, der mit einer Deutschlandfahne in der Hand auf einem Fahrrad angeschlossen dem Bus folgte. Sogleich kam die Polizei, woraufhin die folgenden Fahrten unter Polizeischutz stattfanden.

Um die Sicht auf das Gebäude zu versperren haben die NPDler eiligst eine Plane mit dem Text »Ein Satz mit X, das war wohl nix« erstellt und quer über den Hof gespannt. Bei der zweiten Fahrt war diese bereits runtergefallen. Dann hatten ein paar der NPDler Schilder in der Hand, und bei der dritten Fahrt haben sie im Hof gesessen und gegrillt. Man hätte es nicht besser planen können.

Was hat es mit der Stellungnahme zu Lindenow#9 auf sich?

Die Stellungnahme war ein anderes Projekt, das sich mit der Entwicklung des Leipziger Westens beschäftigt. Es war eine Reaktion auf den Supermarkt Kaufland und dessen Schaufenster, die ursprünglich als Schaukästen für anspruchsvollen künstlerische Gestaltung vorgesehen waren. Diese sollten als ein unabhängiger Kunstraum installiert werden. Unsere Stellungnahme bezog sich auf diesen Versuch, sich an die bestehende Off Szene anzupassen. Leider wird der Sumpf der marktwirtschaftichen Interessen aber nicht verlassen und so werden die Fenster mittlerweile als Werbeflächen genutzt. Man behauptet Kunst im öffentlichen Raum anzubieten, aber man tut es nicht!

Ein Rennrad steht im Büroraum der Galerie.
Beschriftete Äpfel auf einem Fensterbrett der Galerie.
Detailansicht von Texten die in eine Wand gekratzt wurden.

Wie wird es hier weitergehen?

Keiner weiß so genau, was mit den Fenstern passiert, der Schlüssel liegt bei einem der Gewerbetreibenden am Markt und wird wohl mehr nach Gutdünken vergeben. Durchaus an kulturelle Institionen, wobei dann meist nur ein oder zwei Schaufenster mit Inhalten bestückt werden. Die restlichen acht Fenster bleiben frei, was wir sehr bedauern. Gerade das Theater hätte doch die Ressourcen, die Fenster zum Beispiel in ein Stück mit einzubeziehen.

Ich merke schon, dass das Viertel sich verändert, unser Nachbarhaus wird gerade leergezogen, mal schauen wie das wird, ob das Haus schick saniert wird.

Rankgitter an Hausfassaden in der Josephstraße in Leipzig Lindenau.
Rankgitter in der frisch sanierten Josephstraße von Anna Schimkat.
Arbeiten von Anna Schimkat in der Josephstraße in Leipzig Lindenau.
Gemeinsam mit den Anwohnern wurden Worte ausgewählt.
Bänke in der Josephstrasse.
Der untere Teil der Josephstraße ist seit Kurzem eine verkehrsberuhigte Zone.
Sitzmöglichkeiten in der Josephstrasse.
Die aus Beton gegossenen Sitzmöglichkeiten wurden von Anna Schimkat entworfen.

Die Projekt- und Hörgalerie „AundV“ ist geschlossen, was passiert mit dem Raum?

Der ehemalige Ausstellungsraum soll ein öffentlicher Raum bleiben. Den Verein AundV gibt es weiterhin, der Träger des Raumes ist. In die Nachbarräume wird in Kürze eine queer-feministische und kommunistische Bibliothek einziehen.

Zusammen mit der Bibliothek sind wir gerade dabei ein neues Nutzungskonzept für die Fläche zu erstellen. Diese soll Projekten unterschiedlichster Ausrichtung zur Verfügung stehen. Vielschichtiger als der Kunstraum, aber auch mit künstlerischen Ansätzen.

Die Phillipuskirche in Lindenau im Sonnenuntergang.
Ein schöner Abschluß. Die Sonne senkt sich hinter der Phillipuskirche am Karl-Heine Kanal.

Wie siehst Du die Veränderungen der letzten Zeit? Wirst Du weiterhin in Lindenau bleiben?

Ich merke schon, dass das Viertel sich verändert, unser Nachbarhaus wird gerade leergezogen, mal schauen wie das wird, ob das Haus schick saniert wird. Aber die Lützner Straße ist eben immer noch die Ausfallstraße zur Autobahn. Die Entwicklung im Leipziger Westen ist schon ein zu diskutierendes Thema, auch wieviel hier gemacht wird, wieviel selbst entstehen kann, wieviel Verdrängung entsteht, aber es ist kein Vergleich zu Hamburg oder Berlin, da der Leipziger Westen einfach fast leer stand.

Der neue Aurelienbogen wird scheußlich werden. Der Lindenauer Hafen ist eine so wunderschöne Brache. Wenn das wirklich so wird, wie es auf den Plänen aufgezeichnet ist … Das ist zum Beispiel ein Punkt, an dem man die Stadt Leipzig, die sonst auch acht gibt auch eine sanfte Entwicklung, fragen kann, warum diese Großprojekte hier rein gesetzt werden. Es bleibt abzuwarten, wie das wird. Im Westen von Leipzig, aber auch in der ganzen Stadt sehe ich ein Bewusstsein und eine Achtsamkeit gegenüber dieser Entwicklungen. Starke vernetzte Strukturen begleiten und beeinflussen die Veränderungen. So zum Beispiel die Vernetzung unter Kollektivhäusern, die Häuser dem Immobilien Markt entziehen und eine breite Basis von MitmacherInnen vorweisen können, die sich der Verantwortung dem Viertel gegenüber stellen, oder die Vernetzung der freien Szene, die sich dafür einsetzt, den freien Kulturinstitutionen der Stadtverwaltung gegenüber eine starke Stimme zu geben.

Wer sind wir? Und was ist der Wunderwesten?