Es war einmal ein Mädchen, das Christiane hieß, aber von allen Tilla genannt wurde.

Christiane Schulze

Lesedauer: 5 Minuten

Im Westen groß geworden, wurde der Begriff „Brache” erst vor zehn Jahren für uns wirklich lebendig, als wir nach Leipzig zogen. Noch gibt es sie, unbebaute Flächen mitten im Viertel.

Auf einer davon – die vor der Bebauung geschützt werden soll – ist »der wilde Heinz« die Attraktion und zugleich der Namensgeber. Der Ziegenbock hält dort das Gras im Zaum und um Heinz ein soziales Umfeld zu geben und ihn zu unterhalten, kam ein kleiner Bauwagen dazu, aus dem heraus Getränke verkauft werden.

Damit im Winter Gelände und Heinz nicht vereinsamen, wurde eine Blockhütte auf die Brache gesetzt. Diese wirkt jetzt noch uriger und verspricht gemütliche Abende am Kamin.

Der Wilde Heinz in Leipzig Lindenau ist Cafe und Ausflugsziel.
Beim Wilden Heinz gibt es meist frischen Kuchen, kalte und warme Getränke, Suppen und andere Leckereien.
Viele ausgemusterte Stühle werden als Sitzmöglichkeiten benutzt.
Als Sitzmöglichkeiten dienen meist ausrangierte Stühle, aber auch Hollywoodschaukeln und Hängematten findet man im Garten.
Kräuter im Garten des Wilden Heinz in Leipzig Lindenau.
Man pflückt sich selbst die Kräuter, die man als Tee trinken möchte.
Ein Bauwagen dient als Küche.
Ein Blick durch den Garten auf den umfunktionierten Bauwagen, der als Küche und Theke dient.
Das Zeichen des Wilden Heinz an einer Tür
Das gehörnte Herz findet sich an vielen Stellen.
Eine Wanne dient zum Auffangen von Regenwasser.
Regenwasser kann ein kostbares Gut sein, auch wenn es in den verregneten Monaten kaum so scheint.

Uns hat ein Schriftstück erreicht, das in einem Augenblick der Ruhe verfasst wurde, von jemandem, der Heinz sehr nahe steht und die Hintergründe der Unterfangung viel besser beschreiben kann, als wir es uns zutrauen würden:


»Es war einmal ein Mädchen, das Christiane hieß, aber von allen Tilla genannt wurde. Tilla hatte keine Freunde, aber ganz viele Ziegen - genauer gesagt hatte sie keine Freunde, weil sie immer nach Ziegen roch. Aber das machte nichts, denn Ziegen waren ihr sowieso viel lieber als Menschen.

Später, als sie größer wurde, mußte sie von den Ziegen wegziehen. Da war sie einsam und freundete sich doch mit den Menschen an. Aber eigentlich fehlten ihr immer die Ziegen - auch als sie schon in einer großen Stadt wohnte, vermißte sie die Ziegen und ihr Meckern und ihre Ziegenbärte.

Da traf sie eines Tages den Hendrik. Hendrik hatte zwar keine Ziegen, aber eine Wiese. Und Tilla überredete Hendrik, auf diese Wiese eine Ziege zu stellen. Der Platz reichte zwar nur für eine Ziege, aber das war ja schon mal ein Anfang. Also ging sie auf den Markt, erstand einen kleinen Ziegenbock namens Heinz, und kam damit zurück auf die Wiese.

Die Menschen würden im Schatten sitzen und trinken, und nebenbei würden sie Heinz streicheln.

Blick auf den Stall des Ziegenbocks
Heinz eigentliches Zuhause, wo er Abends nach vollbrachter Arbeit die Tür hinter sich zuzieht und Kleeblätter zählt.

Dann überlegte sich die Tilla aber, daß es ganz schön wäre, wenn der Heinz nicht so alleine wäre. Zwar war kein Platz für andere Tiere, aber es wäre doch schön, wenn ein paar Menschen zu Besuch kämen. Sie war sich allerdings nicht sicher, ob die Menschen allein wegen Heinz kommen würden, darum dachte sie, sie könnte einfach ein paar Sonnenschirme hinstellen, dann kämen die Menschen wegen des Schattens und streichelten nebenbei Heinz.

Dann fiel ihr aber auf, daß die Menschen nur gerne im Schatten sitzen, wenn sie dabei etwas trinken können. Also überredete sie einige der Menschen, mit ihr einen Bauwagen auf die Wiese zu stellen - dann könnte sie im Bauwagen die Getränke zubereiten, und die Menschen würden im Schatten sitzen und trinken, und nebenbei würden sie Heinz streicheln. Und alle würden nach Ziege riechen, und die Welt wäre so schön für die Tilla, daß sie nahezu tillaschön wäre.

Der Ziegenbock Heinz steht auf einem Holzhaufen und frisst Blätter.
Blätter scheinen deutlich attraktiver zu sein als Gras.
Der Ziegenbock schmeisst sich in Pose.
Ein Blick der Frauenherzen schmelzen lässt.
Christiane und Heinz vor dem Stall
Christiane und Heinz vor der Blockhütte im Garten in Leipzig Lindenau.
Detailaufnahme des Ziegenbocks.

Doch überraschenderweise war eines Tages gar kein Schatten mehr da, und die Leute blieben weg. Was sollte denn da aus dem Heinz werden! Tilla fragte die Menschen, wo sie sind, wenn es keinen Schatten mehr gibt, und die Menschen sagten: Da, wo es warm ist, und wo man nicht naß wird. Die Menschen setzten sich also in Häuser, um ihre Getränke zu halten.

Da fragte Tilla den Hendrik, ob sie ein Haus auf die Wiese bauen dürfe, und der Hendrik kullerte so lustig mit den Augen, daß die Tilla glaubte, daß er die Idee gut finden würde. Jemand erzählte ihr von einer Hütte, die abgerissen werden sollte, und da diese Hütte nur einen Tagesritt entfernt war, überredete die Tilla den Nico und den Lars, mit ihr die Hütte zu holen und auf der Wiese wieder aufzubauen. Die beiden kamen fröhlich mit, und als sie die alte, verfallene Hütte sahen, kullerten sie auch so lustig mit den Augen, so daß sich Tilla ganz sicher war, daß alles gut werden würde.

Schwuppdiwupp war eine große Helferschar beisammen, wobei die am meisten halfen, die am lustigsten mit den Augen gekullert haben.

Innenansicht des Rohbaus der Blockhütte in Lindenau.
Um etwas unabhängiger von der Witterung zu sein, errichtete man eine Blockhütte, die hier im Rohbau zu sehen ist.
Innenansicht des Rohbaus der Blockhütte in Lindenau.
Der Boden fehlt noch auf diesem Bild und auch ein Kamin ist mittlerweile vorhanden.
Christiane mit dem Ziegenbock vor der Blockhütte.
Ein Handwerker integriert ein Fenster in die Blockhütte.
Ein ausrangiertes Fenster vor dem Rohbau der Blockhütte in Leipziger Lindenau.
Der Ziegenbock Heinz verspeist einen Zweig.

Zurück auf der Wiese mußte die Hütte nicht nur aufgebaut, sondern auch vergrößert werden. Alle, die Tilla nach altem Holz, Dachpappe, Steinen und Fenstern fragte, kullerten lustig mit den Augen, und schwuppdiwupp war eine große Helferschar beisammen, wobei die am meisten halfen, die am lustigsten mit den Augen gekullert haben.

Weil die Hütte so alt war, zog es nun mächtig herein. Also fragte die Tilla alle Menschen, ob sie ein bißchen Kleckerburg spielen wollten - nur eben an der Wand und mit Lehm. Auch hier kullerten wieder viele Augen, und auch wenn es plötzlich recht leer war auf der Wiese, halfen viele mit, die schon auf der Wiese im Schatten gesessen und Heinz gestreichelt hatten. Dann mußte noch das Dach gebaut werden, und zwar mitten im Regen, und einen Boden brauchte die Hütte auch noch. Hach, das war ein Augengekullere und Gesäge und Gemache.

Doch schließlich wurde alles fast und eigentlich und so gut wie fertig - und die Tilla konnte in ihrer Hütte beim Heinz sitzen, hatte Freunde, die alle nach Ziege stanken, Heinz war nicht mehr allein, und alle konnten sich vom Augenkullern ausruhen und leise an ihren Getränken schlürfen und hoffen, daß die Tilla damit erst mal ganz zufrieden war, bevor ihr die nächste verrückte Idee in den Sinn kam.«

Info

Der Wilde Heinz ist ein Gartenlokal in der Hähnelstraße. In den Sommermonaten gibt es abends meist Lagerfeuer und im Winter macht man es sich am Besten neben dem Kamin in der Blockhütte gemütlich.

Credits

Das Interview führte Petra Mattheis.
Fotos von regentaucher.com.

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