Die Josephstraße war die perfekte Kulisse für einen Film über den zweiten Weltkrieg

Tobias Habermann

Lesedauer: 13 Minuten

Direkt im Anschluss an sein Studium der Politikwissenschaft begann Tobias Habermann mit seiner Arbeit im Quartiersmanagement des Stadtteils Lindenau. Im Rahmen verschiedener Förderprojekte begleitete und unterstützte er in der Folge die ersten Projekte der Stadtteilentwicklung rund um die Josephstraße, wie beispielsweise die Baulager 2004.

Wie sind Sie zu dem Projekt gestoßen?

Im April 2003 begann ich meine Arbeit im Quartiersmanagement Leipziger Westen, das sich damals noch in dem Urban Kompetenz Zentrum am Lindenauer Markt befand. Im Herbst ist Christina Weiß auf mich zugekommen mit der Frage, ob ich sie bei der Blockentwicklung Josephstraße unterstützen könne. Sie wollte das Projekt nicht alleine beginnen, sondern mich als Quartiersmanager als Partner, um genügend Manpower zu haben.

War das etwas, was Sie selbst entscheiden konnten?

Ja, in Absprache mit unserem Quartiersmanagement Team.

Ist das Quartiersmanagement vergleichbar mit dem Stadtteilladen heute?

Im Prinzip schon. Es gab schon 2002 ein Quartiersmanagement in Kleinzschocher, mit Peggy Diebler als Quartiersmanagerin. Auf drängen der lokalen Akteure in Lindenau, Plagwitz und Leutzsch wurde das Quartiersmanagement auf das gesamte Fördergebiet Leipziger Westen Gebiete erweitert. Für die Stadtteile war ich verantwortlich (Teile von Leutzsch, Lindenau und Plagwitz). Zunächst wollten die Programmverantwortlichen sehen, welche Schwerpunkte man setzen konnte. Einer davon war die Entwicklung des Lindenauer Markts.

Ist URBAN II ein in sich abgeschlossenes Projekt gewesen? Über welche Summe konnte das Quartiersmanagement verfügen?

URBAN II war ein Förderprogramm des europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Insgesamt standen 20 Millionen Euro für die Entwicklung des Leipziger Westens zur Verfügung. Beginnend in Kleinzschocher, bis nach Leutzsch. Wir konnten nicht frei darüber verfügen. Das Budget war aufgeteilt in die drei Themenbereiche Wirtschaftsförderung, städtebauliche Entwicklung und soziale Entwicklung. Damit sind ein Teil des Henriettenparks gebaut und mehrere Brachflächen umgewandelt worden. Das Quartiersmanagement wurde auch von diesen Mittel finanziert.

Sie arbeiteten im Quartiersmanagement bevor Christina Weiß kam?

Christina Weiß war schon im Leipziger Westen aktiv und gründete 2001 den Lindenauer Stadtteilverein, um eine Entwicklung voranzutreiben. Ich lernte sie in den ersten Tagen meiner Tätigkeit kennen.

Die Menschen ziehen auf die Grüne Wiese, weil sie ein Haus mit Garten wollen. Wozu soll man noch auf das Land ziehen, wenn man den Garten auch hier in der Stadt haben kann.

Mut zur Lücke, der Leitspruch des Nachbarschaftsgärten e.V., der für den Erhalt der Flächen in Leipzig Lindenau kämpfte.
Mut zur Lücke, der Leitspruch des Nachbarschaftsgärten e.V., der für den Erhalt der Flächen in Leipzig Lindenau kämpfte.
Mut zur Lücke, der Slogan, mit dem der Nachbarschaftsgärten e. V. für den Erhalt der Flächen gekämpft hat.

Sind Sie Leipziger?

Nein. Ein Großteil der Leute, die die Entwicklung damals vorantrieben, waren gar keine gebürtigen Leipziger. Mittlerweile hat sich das geändert. Aber viele Außenstehende haben wichtige Impulse gesetzt.

Wie wirkte die Josephstraße auf Sie, als Christina Weiß Sie um Unterstützung bat?

Die Josephstraße befand sich in einem extrem schlechten baulichen und auch sozialen Zustand. Zum Beispiel stand monatelang ein abgebranntes Auto auf der Straße und es gab viele abbruchreife Häuser. Es war die perfekte Kulisse für einen Film über den zweiten Weltkrieg. Auch das Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) wusste nicht, was es mit dem Bereich machen sollte. Die Intention von Frau Weiß war, die Freiflächen als Potenzialfläche zu nutzen, um eine neue Form des Wohnens in der Stadt zu generieren. Die Experten haben damals schon von Reurbanisierung gesprochen. Die Menschen ziehen auf die Grüne Wiese, weil sie ein Haus mit Garten wollen. Wozu soll man noch auf das Land ziehen, wenn man den Garten auch hier in der Stadt haben kann. Ausgangspunkt für diese Idee war das Wohnprojekt in der Roßmarktstraße 30.

Wie würden Sie Ihre Rolle in diesem Prozess beschreiben? Sie haben mit ehrenamtlich agierenden Bürgern gearbeitet, zu einer Zeit, zu der das ASW ausgestiegen ist. Waren Sie ein Vermittler?

Ich hatte eine Moderationsfunktion und war eine Schnittstelle zwischen den Bürgern und der Stadtverwaltung. Als Beauftragter der Kommune war ich nicht angestellt bei der Stadt. Es war unsere Aufgabe, die Initiativen der Menschen vor Ort möglichst begleitend zu unterstützen. Das Ziel war die Entwicklung des Blocks. Der Fokus der lokalen Akteure richtete sich aber auf die Fläche der Nachbarschaftsgärten.

Was heißt Blockentwicklung für Sie?

Es gab eine stadtplanerische Vision für das gesamte Gebiet zwischen der Karl-Heine-Straße und der Lützner Straße, die ausgehend vom Karl-Heine-Kanal bis zum Palmengarten eine Grünwegeverbindung durch dieses Viertel vorsah. Ein großer Teil dieser Vision wird letztlich nicht realisiert werden, aber man braucht Visionen, um Ziele zu verfolgen. Der Ursprungsgedanke von mir und Christina Weiß für den Block Josephstraße war, das große Grün und die vielen vielen leerstehenden Häuser des Blocks zu nutzen, die es damals noch gab. Dies gingen wir konkret an und versuchten, die Eigentümer zu ermitteln und herauszufinden, was sie mit ihren Gebäuden und Grundstücken vorhaben.

Eine Katze streunt durch die Nachbarschaftsgärten in Leipzig Lindenau.
Blick in die Nachbarschaftsgärten 2015. Die Flächen werden von den Vereinsmitgliedern gepflegt.

War es neu für Sie, mit so vielen Ehrenamtlichen zu arbeiten und eine große Aktionsfläche zu haben?

Im Bereich Konfliktmanagement war ich während meines Studiums schon auf Vereinsbasis tätig und konnte da Erfahrung sammeln. Man hat ein Ziel und überlegt gemeinsam, wie man pragmatisch vorgehen kann.

Ist das ein typisches Berufsfeld für einen Politologen?

Das Quartiersmanagement hat keine klassischen Berufsfelder. Hier gibt es Sozialwissenschaflter, Betriebswirtschaftler, Geografen, Stadtplaner, Politologen, Erziehungswissenschaftler und mehr.

Was war Ihr Wunsch für das Viertel?

Insgesamt eine städtebauliche Entwicklung – im Bereich der Gebäude, der Grün- und Straßenflächen und auch im sozialen Bereich. Die konkrete erste Herausforderung war die Ermittlung der Eigentümer. Wir wollten Aufmerksamkeit auf die Flächen lenken und Menschen dazu bringen, den Freiraum für sich zu nutzen. Das war ein erster Schritt, um mediale Aufmerksamkeit zu erreichen. Christina Weiß hat dann Kontakt mit dem Internationalen Bauorden aufgenommen und erreicht, dass die Leipziger Volkszeitung die Baulager zu Ostern und im Sommer medial begleitete.

Das war sehr wichtig?

Das war ein ganz wichtiger Punkt, weil so eine Menge Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wurde. Auch auf das Thema Brachflächen an sich. Bis zu diesem Zeitpunkt riss man üblicherweise Gebäude ab und installierte eine Grünfläche auf der freigewordenen Fläche. Da ging es nie um Nutzung. In diesem Baulager ist eine extreme Eigendynamik entstanden, durch die sich beispielsweise Menschen wie Olaf Petersen gemeinnützig engagierten. Er hatte damals die Idee, eine Fahrradselbsthilfewerkstatt in einem ruinösen Gebäude einzurichten, die es noch heute gibt. Teilweise halfen auch Arbeiter mit einem Bagger, das Gelände freizuräumen und es gab auch viele Sachspenden, die insbesondere durch die Zeitungsberichte und persönliche Kontakte reinkamen. Und dann war auch die Stadtverwaltung mit dabei. Erst wurde man etwas belächelt, aber als die Entwicklung sichtbar wurde, ist auch die Verwaltung auf den Zug mit aufgesprungen und bot ihre Hilfe in unterschiedlichen Bereichen an. Diese Eigendynamik, die sich im April 2004 entwickelte, war die Initialzündung für das Konzept der Wächterhäuser, die eine Zwischennutzung von Gebäuden vorsieht.

Ohne das ehrenamtliche Engagement von Christina Weiß wäre das Viertel noch immer in einem erbärmlichen Zustand.

Pflanzgitter an den Häusern in der Jospehstraße in Leipzig Lindenau.
Die Neugestaltung der Josephstraße wurde in einem Workshop gemeinsam mit den Anwohnern entwickelt. Die Pflanzgitter sind eine der realisierten Ideen. Über die Josephstraße verteilt ergeben sie das Gedicht der Straße.
Pflanzkübel in der Jospehstraße
Die Pflanzkübel sollen Grün in die Josephstraße bringen. Das Pflanzen von Bäumen im Boden war auf Grund der Lage von Kabelhaupttrassen nicht möglich.
Blick in die verkehrsberuhigte Zone der Jospehstraße in Leipzig Lindenau.
Ein Teil der verkehrsberuhigten Fläche in der Josephstraße. Die Sitzbänke wurden von Anna Schimkat entworfen und die Pflanzkübel von Almut Krause. Die Bewohner sprechen untereinander ab, wer wann die Kübel gießt. Die Sitzgelegenheiten sind auch als Rampen für Skater benutzbar.

Sehen Sie die Zwischennutzung aus heutiger Sicht kritisch?

Nein. Ich sehe Zwischennutzung nicht kritisch. Man muss dem Begriff folgen und muss sagen, was war und was wird. Die ursprüngliche Idee der Blockentwicklung konnte nur funktionieren, weil sich Christina Weiß an einer Sache festbiss und diese mit einer Ausdauer verfolgte, wo jeder andere bereits aufgegeben hätte. Ohne ihr Engagement wäre das Viertel noch immer in einem erbärmlichen Zustand. Die Probleme waren ja sehr hartnäckig. Es gab Grundstücke in dem Block, bei denen man in den 1990ern eine Sanierung begann, sie dann aber sich selbst überliess, nachdem die Fördermittel abgegriffen waren. Andere, auf denen immense Grundschulden lasteten. Christina Weiß hat an ein herrenloses Haus, auf dem 4,8 Millionen Euro Grundschulden lasteten, so lange ein Schild gehängt, bis schließlich Sebastian Stiess die Aneignung und die damit verbundene jahrelange Diskussion mit den Gläubigern wagte. Das sind Prozesse, die nur über Hartnäckigkeit, dranbleiben, nachtelefonieren und immer wieder reingehen funktioniert haben. Die Sachbearbeiter der Stadtverwaltung hätten hier vorher aufgegeben. Diese Grundbuchlöschung war eine der phänomenalsten Leistungen. Überzeugen Sie mal eine Bank, Geld abzuschreiben. Hinzu kommt, dass Immobilienfonds unter bestimmten Umständen mehr an einem leerstehenden Objekt durch Abschreibungen verdienen, als wenn sie es unter Wert vermieten. Aufgrund der steuerlichen Vorteile fahren die Eigentümer damit wesentlich besser, als wenn sie das Gebäude vermieten. So funktionieren manchmal Prozesse. Vor Ort flucht man, weil man nicht versteht, was dort passiert. Es grenzt an ein Wunder, dass eine Bank, für die nur Zahlen zählen, eine Grundschuld auf Null gesetzt hat.

Christina Weiß sitzt an einem Tisch im Garten des Hauses in dem sie lebt.
Christina Weiß war für die Josephstraße vor allem in den Jahren 2003 bis 2006 die große treibende Kraft, die mit ihrem ehrenamtlichen Engagement die ersten Baulager organisierte.
Detailaufname von blühenden Pflanzen im Garten von Christina Weiß in Leipzig Lindenau.
Der Küchentisch von Christina Weiß, an dem viele Projekte, die den Leipziger Westen wiederbelebten, zuerst besprochen wurden. So auch Anfang 2003 die Idee der Wächterhäuser oder die Zusammenlegung der Brachflächen zu einem großen Areal, auf dem später der Nachbarschaftsgärten e.V. gegründet wurde.

Sind Sie mit der Gesamtentwicklung zufrieden?

Mich hat gewundert, dass es so lange gedauert hat. Nach dem zweiten Baulager 2004 war so viel Eigendynamik in dem Projekt, dass es einfach weitergehen musste. Bereits 2003 gab es die ersten Ideen, die am Küchentisch von Christina Weiß diskutiert wurden. Diesbezüglich hat es schon lange gedauert, bis jetzt der letzte Straßenabschnitt der Josephstraße saniert wurde.

Sie waren bis 2006 beteiligt?

Wir haben den Prozess weiterhin moderierend begleitet, hatten eine tragende Rolle aber nur bis zum zweiten Baulager. Dann gab es so viele andere Akteure, sodass das Quartiersmanagement nicht mehr so wichtig war.

Das Mietniveau in Leipzig lag teilweise unter dem Niveau, das wirtschaftlich tragbar war.

Wie haben Sie die Eigentümer recherchiert?

Da die Eigentümer nicht vor Ort waren, versuchten wir diese über das Liegenschaftsamt ausfindig zu machen. Am Anfang war das sehr, sehr schwierig.

Würden Sie sagen, dass die Entwicklung in der Josephstraße außergewöhnlich ist? Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Das hat viel mit Menschen zu tun. Eine ähnliche Entwicklung wäre sicherlich auch an anderen Orten rein menschlich möglich gewesen, aber nicht von der Situation her. Wenn Sie mit Zwischennutzung in Stuttgart ankommen, werden Sie ausgelacht. Das ist dort kein Thema und wird in der Region auf absehbare Zeit nie ein Thema sein. Der Leerstand hier in Leipzig war der Kern für alles. Man hatte einfach unendlich viel Spielraum dadurch. Hinzu kommt eine relativ große kreative Szene, die solchen Spielraum sucht. Nachdem die sozio-kulturelle Entwicklung mit dem Spinnereigelände begonnen hat, wurden die Menschen auf den Leipziger Westen aufmerksam. Nachdem dort der Raum zu eng wurde, verlagerten diese Gruppen erst nach Plagwitz, dann nach Lindenau und jetzt nach Leutzsch. Das Quartiersmanagement hat damals von Kleinzschocher bis hoch nach Leutzsch jeden Abend ein Programm in einem anderen leerstehendem Laden gemacht. Es war eine Perlenschnur leerstehender Läden, entlang der Zschocherschen Straße. Daraus hat sich der Verein geöffnet e.V. entwickelt. Das ist heute nicht mehr möglich, da man sich nicht mehr kostenlos einmieten und diesen Freiraum hat. Da die Protagonisten zu einem großen Teil von außerhalb Leipzigs kamen, war es vielleicht leichter für sie, die Potenziale der Stadt zu sehen. Das waren aber die ursprünglichen Rahmenbedingungen, die eine Entwicklung in Leipzig stattfinden ließen. Zwischennutzung ist ein gutes Mittel, um Häuser zu halten, die Substanz zu erhalten. Langfristig wird sich ein Haus nicht auf Dauer als Zwischennutzung halten können. Es sei denn, die Nutzer investieren auch wieder Geld. Zum Beispiel in eine neue Heizung. Aber ist das dann noch Zwischennutzung? Das ist die Frage. Wo hört Zwischennutzung auf, wo beginnt ein Ausbau in Form eines Selbstnutzerhauses? Wenn man sich die Kostenstruktur im Immobilienbereich anschaut, dann wurde in Leipzig einfach zu günstig vermietet. Das ist auch einer der Gründe, warum viele Eigentümer Ende der 1990er-Jahre Probleme hatten, ihre Immobilienkredite zurückzuzahlen. Das Mietniveau lag teilweise unter dem Niveau, das wirtschaftlich tragbar war. Das war genau der Grund, warum sich die Eigentümer auf das Modell der Zwischennutzung eingelassen haben.

Für die Eigentümer war die Zwischennutzung als Instrument sehr gewinnbringend, während die Nutzer selbst nicht immer profitierten. Sehen Sie das als Problem?

Für die Eigentümer war es ein massiver Gewinn, da ihre Immobilien ins Gespräch gekommen sind und so lange gehalten wurden, bis sie wieder wirtschaftlich vermietet werden konnten. Für die Zwischennutzer lässt sich schwer ein Fazit ziehen. Sie haben zwar teilweise viel Kraft und Zeit in die Immobilien gesteckt – konnten dafür für einen bestimmten Zeitraum ihren Traum ausleben, den sie sonst nie hätten realisieren können. Hinzu kommt, dass bei den Nutzern solcher Projekte auch immer eine Generationsentwicklung stattfindet. Bei vielen Menschen wachsen die Wohnungen und Ansprüche mit dem Gehalt: Menschen werden sesshaft, die früher durch die Straßen gezogen sind. Die haben jetzt ein vernünftiges Gehalt und gründen Familien. Man kann ja als Nutzer auch zurückschauen und sagen, ich hatte eine super Zeit und es hat mir Spaß gemacht. Aber natürlich ist man traurig, weil man viel Herzblut hineingesteckt hat.

Was sagen Sie zu dem Verkauf der Flächen?

Dass die Gärten zum Teil bebaut werden würden, war von Beginn an klar. Die kreisfreien Städte in Sachsen haben eine Staubsaugerfunktion für junge gut ausgebildete Menschen, die hier den bisherigen Freiraum auch für sich nutzen möchten. Das ist ein globaler Effekt. Schauen Sie sich die Megastädte in Asien oder Lateinamerika an. Da zieht es die Menschen massenweise vom Land in die Städte. Das ist ein Trend, der überall zu beobachten ist. Und damit einher verringert sich in all diesen Städten die Anzahl der Frei- und Grünflächen.

Der Garten ist für uns eine Spielwiese, ein Treffpunkt, auf dem wir uns ausprobieren können.

Was hat Sie während der Aktion besonders beeindruckt?

Es gab einen ungeheuren Willen von einzelnen Akteuren, etwas in die Wege leiten zu wollen. Diese langfristige Perspektive von Christina Weiß und vielleicht auch die Naivität von einigen Leuten, die sich auf die Zwischennutzung eingelassen haben. Hätten sie damals nur in die Zukunft und an das Ende der Zwischennutzung gedacht, dann hätten sie vielleicht nicht so viel investiert. Einige hatten diesen ungeheuren Willen und die Visionskraft für die Entwicklung dieses Blocks. Auch gab es Menschen im ASW und bei URBAN II, die mutige Entscheidungen getroffen haben und Fördergelder zur Verfügung stellten. Man muss auch positiv die Eigentümer erwähnen, die konstruktiv und kreativ mitgemacht haben.

Tobias Habermann

Wie ist Ihre Prognose für die Zukunft?

Der Bereich rings um den Plagwitzer Bahnhof hat großes Potenzial. In zehn bis fünfzehn Jahren sehe ich hier Einfamilienhäuser, Reihenhäuser oder – wenn der Bedarf weiter wächst – dann doch Mehrfamilienhäuser. Es gibt diesen Traum vom eigenen Heim in der Stadt. Optimal gelegen. Bei dieser Aufwertung der Viertel bleibt aber immer noch die Frage, was sozial passiert. Noch sind diese Bereiche auch sozial durchmischt, aber es treten Gentrifizierungsprozesse ein. Wir können nicht als Erfolg des Projekts vermerken, dass wir den Sozialschwachen geholfen haben. Das ist ein Kritikpunkt. Vor der jetzigen Verdrängung der Gartennutzer gab es schon einmal einen Verdrängungsprozess. Einige der Häuser in der Josephstraße waren komplett ans Sozialamt vermietet. Die Menschen die darin wohnten, sind einfach nur weggeschoben worden, wohin auch immer. Wie viel Kraft hat die sogenannte wirtschaftliche Mittelschicht? Wie viel Ausdehnung braucht sie, um weiter zu wachsen? Die Frage ist wohin? Wo ist dann die Grenze?

Und die Kreativszene?

Die wird weiter Richtung Leutzsch verdrängt. Auch in der Georg-Schwarz-Straße hätten Sie Häuser fast geschenkt bekommen. Da werden die Leute erst einmal hinziehen und dann wird sich zeigen, wie weit die Ausstrahlung von dort weitergehen wird.

Dieses Gespräch ist Teil einer Dokumentation über die Entwicklung des Bildhauerviertels in Leipzig Lindenau. Die Broschüre enstand in enger Zusammenarbeit mit dem Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) und dem Lindenauer Stadtteilverein e.V..

PDF-Datei der Broschüre herunterladen

Info

Tobias Habermann kam direkt nach seinem Studium der Politikwissenschaft nach Leipzig. 2003 begann er als Quartiersmanager im URBAN II Projekt in Lindenau zu arbeiten. Seit 2014 ist er Leiter des Amtes für Planung, Schule und Bildung in der Zwickauer Landkreisverwaltung.

Credits

Das Interview führte Petra Mattheis.
Fotos von regentaucher.com.

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