Ich bin Kaffeeröster aus Leidenschaft, sehr glücklich und schon ein wenig stolz…

Peter Dorndorf

Lesedauer: 4 Minuten

Plagwitz hat seit diesem Sommer eine eigene Kaffeerösterei. Peter Dorndorf verwandelt in seiner Brühbar grüngraue Bohnen mit wachen Augen und Nase in leckeres sattsamtes Braun. Reine Alchemie.

Warum bist du hier in Leipzig?

Ja, warum bin ich hier in Leipzig? Sagen wir mal so. Die Umstände und mein Bauchgefühl, auf das ich mich mein ganzes Leben lang bisher immer verlassen konnte, haben dazu geführt, dass ich wieder hier bin.

Peter Dorndorf protokolliert den Röstvorgang
Wenn man etwas Glück hat bekommt man bei Peter Dorndorf einen Kaffee der erst vor ein paar Stunden geröstet wurde.

Leipzig ist Heimat. Leipzig ist Vielfalt, Dynamik und Energie. Leipzig ist Aufbau und Aufbruch. Leipzig ist Wasser. Und man hat das Gefühl, dass in Leipzig der Geist der friedlichen November-Revolution 1989 mit dem Gedanken, etwas gemeinsam zu bewegen, immer noch mitschwingt. Und an der Stelle sage ich einfach mal: Eine wunderbare Empfindung, dabei zu sein!.

Alles beginnt bei der Auswahl von guten Bohnen
Die Kaffeebohnen werden gewogen.
Die Röstmaschine wird vorbereitet
Peter Dorndorf bedient die Röstmaschine

1990 stand mir, wie jedem Bürger der damaligen DDR, die Welt auf einmal offen. Doch was damit anfangen, wie damit umgehen? Hals-über-Kopf losstürzen oder doch erst einmal abwarten, wie sich die Dinge so entwickeln? Welche „geheimen“ Wünsche hatte ich eigentlich bis dahin, die nun in Erfüllung gehen könnten? Ist jetzt die Zeit für eine Ausbildung in der Forst- oder Landwirtschaft? Könnte ich nicht auch Flugzeuge bauen? Oder vielleicht doch studieren? Aber was? Und vor allem wo? Was war in der Welt angesagt? Auf jeden Fall wollte ich etwas mit meinen Händen „erschaffen“ und ging tatsächlich nach Dresden mit dem festen Willen, Flugzeuge zu bauen. Man redete mir im Vorstellungsgespräch allerdings ein, ich könnte was „Besseres“ und riet mir zu einer kaufmännischen Ausbildung. Und dann sah ich Tag-ein-Tag-aus meine Ausbildungskollegen im „Grünrock“ mit leuchtenden Augen, wenn wieder ein nagelneues Heckleitwerk eines niederländischen Flugzeugtyps die Hallen verließ und die dabei recht stolzen Gesichter nach dem Motto „Das habe ich gebaut, das fliegt irgendwann!“.

Weg vom Handwerk – rein ins Büro – könnte die Devise nach der Ausbildung gewesen sein. Bis zum Jahre 2011 hielt ich das handwerklose Angestelltendasein durch. Dann kam für mich die zweite große Wende. Die Sterne standen günstig, mehrere Kreise schlossen sich, Puzzlestücke ergaben auf einmal ein Bild, Chancen taten sich auf und meine jahrelange Kaffeeleidenschaft stand auf einmal in einem ganz wunderbaren Licht.

Kiezig, energetisch, vielfältig und ein alter kultiger Industriehauch der durch die immer lebhafter werdenden Straßen weht.

Der Röstgrad des Kaffees wird von Peter Dorndorf kontrolliert.
Der Röstgrad der Bohnen lässt sich sehr präzise bestimmen und Anhand des Geruchs und der Farbe kontrollieren.

Und so betreibe ich seit Ende 2012 im Stadtteil Plagwitz ein ganz wunderbares und traditionelles Hand-Werk, bei dem neben den Händen auch alle anderen Sinne gefordert sind – sehen, hören, riechen, schmecken. Ich bin Kaffeeröster aus Leidenschaft, sehr glücklich und schon ein wenig stolz, das ich quasi als vorletztes Glied in der gesamten Kaffeewertschöpfungskette Mitverantwortung trage, dass die Qualitätsarbeit, die in den Kaffeeplantagen der Kaffeeanbauländer beginnt, letztendlich in der Kaffeetasse schmeck- und erlebbar wird. Dabei geht es mir im Besonderen um feine Brühkaffees, die über schonende, drucklose Brühverfahren ihr ganzes Geheimnis in der Tasse preisgeben.

Ein Kindheitstraum, irgendwas mit Landwirtschaft zu machen ist damit in Erfüllung gegangen. Ich veredele das für den Welthandel zweitwichtigste Naturprodukt – Kaffee. Was kann es Schöneres geben, wenn man das ganze im schönen Plagwitz machen kann?

Nach 13 Jahren beruflichem Alltag im wilden Westen hatte ich wieder richtig Bock auf Leipzig. Dabei fiel die Entscheidung bewusst auf Plagwitz. Kiezig, energetisch, vielfältig, eine Mischung aus Freigeist, Kultur und Wirtschaft, ganz unterschiedliche Menschen und ein alter kultiger „Industriehauch“ der durch die immer lebhafter werdenden Straßen weht, haben diesen schönen Stadtteil für mich so begehrt gemacht. Und mit diesem verbindet mich auch mein PA-Unterricht zu DDR-Zeiten. Der VEB Bodenbearbeitungsgeräte Leipzig in der Gießerstraße kann von Glück reden, dass die sagenumwobenen riesigen Rübenrodemaschinen ein funktionierendes Blinklicht hatten. Das hatte ich nämlich zusammengeschraubt!

Plagwitz steht für mich immer noch für Entstehung, Erschaffung, Handwerk, Industrie und Produktion. Und eine Produktionsstätte, an der feine Kaffees entstehen, passt doch zweifelsohne in diesen Stadtteil – finde ich.

Kontrollinstrument zur Bestimmung des Röstgrades.
Die Bohnen haben ihren Röstgrad erreicht und werden ausgeworfen.
Bisskontrolle der Bohnen.
Nicht ganz ernst gemeint ist die Kontrolle der Bissfestigkeit.
Geröstete Kaffeebohnen in einer Schaufel.
Über die Farbe und Geruch lässt sich besser entscheiden, ob die Röstung erfolgreich war.

Du bist in Leipzig geboren. Seitdem haben sich viele Dinge geändert. Welche Veränderungen magst Du?

Professionelle Altbausanierungen, Wiederaufbau nach historischen Vorbildern.

Und welche nicht?

Die Vielzahl von charakterlosen und kopierbaren Konsumtempeln, sinnlose Schmierereien auf Hauswänden.

Peter Dorndorf beim Aufbrühen des frisch gemahlenen Kaffees
Peter Dorndorf beim Aufbrühen des frisch gemahlenen Kaffees in einem Siphon der japanischen Firma Hario
Peter Dorndorf nutzt ein Siphon zum Aufbrühen des Kaffees
Detailaufnahme eines Siphon zum Aufbrühen von Kaffee
Blick in das Café Brühbar in Leipzig Plagwitz
Peter Dorndorf ist zufrieden mit dem Ergebnis.

Was erhoffst du dir von den kommenden Jahren, wohin wird das Viertel aufbrechen?

Ich hoffe sehr, dass der Stadtteil Plagwitz seine heutige bunte Vielfalt behält. Weiterhin hoffe ich, dass Jung und Alt hier nebeneinander und bewusst füreinander und vor allem voneinander leben können. Die Mischung macht`s. Wie bei vielen anderen Dingen halt auch. Und ich hoffe sehr, dass dieser Stadtteil ein Platz für ganz unterschiedliche Gesellschaftsschichten bieten wird. Je bunter um so schöner.

Info

Peter Dorndorf betreibt die Brühbar in der Weißenfelser Straße / Ecke Zschochersche Straße, eine Kaffeerösterei und Probierbar. Er varanstaltet Workshops, Kaffeeverkostungen und hat das interessanteste Zubehör vor Ort, das Leipzig zu bieten hat.

Credits

Das Interview führte Petra Mattheis.
Fotos von regentaucher.com.

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