Ich habe hier sehr viel Unterstützung gefunden.

Jim Whiting

Lesedauer: 16 Minuten

Jim Whiting hält nie lange still. Auch nachdem wir uns zum Interview zusammensetzen, wollen seine Hände und Füße keine Ruhe finden. Er kippelt auf seinem Stuhl und gestikuliert mit den Händen. Er ist wie die Figuren, die er schafft. Immer in Bewegung.

Als wir uns zu den Fotoaufnahmen trafen, war Bimbotown vielleicht zum letzten Mal geöffnet. Das Gebäude wird grundsaniert und Bimbotown ist mittlerweile bereits verschifft nach England. Wir haben die Gelegenheit des Galerienrundgangs auf der Spinnerei im Mai für ein Gespräch genutzt.

Bimbotown auf der Baumwollspinnerei in Leipzig Lindenau.
Das erste was man spürt wenn man Bimbotown betritt, ist diese ungemeine Unruhe. Alles scheint aus eigenem Antrieb in Bewegung zu sein.

Was hat dich nach Leipzig verschlagen?

Mein damaliger Galerist aus Basel hat für meine grösseren Ausstellungen oftmals Sponsoren gefunden. Da er dies organisierte, konnte ich mich ganz auf meine kreative Arbeit konzentrieren. Erst später habe ich meine Transporter gekauft und die Organisation selbst übernommen. Als wir uns kurz nach der Wende trennten, wollte ich gern einmal in Ostdeutschland arbeiten. Er kannte zwei Leute, die in Immobilien machten und im Osten viele Gebäude aufkauften.

Sie haben sich über den Kontakt gefreut, ich bekam ein Startgeld und habe in der AGRA Markkleeberg begonnen, Bimbotown aufzubauen. Ursprünglich wollten Sie das Projekt managen, aber weil es sich für Sie nicht rechnete, sind Sie abgesprungen. Also habe ich mit Helmstedt, einer meiner Mitarbeiter, einen Verein gegründet und das Ganze dann selber betrieben.

Gab es einen bestimmten Grund, warum du nach Ostdeutschland kommen wolltest? Hast Du gedacht, dass Ostdeutschland eine gute Umgebung für deine Arbeiten ist?

Früher arbeitete ich öfters in Westdeutschland und hatte das Gefühl, dass in Ostdeutschland vieles ganz anders sei. Und es war dann auch so. Gleich zu Beginn habe ich viel Hilfe und Unterstützung von Menschen erhalten, die erst einmal umsonst gearbeitet haben. Sie wurden später zu einem Teil der Crew. Und so ist das weitergegangen. Nach ein paar Jahren Markkleeberg gab es die Option, ein großes Gelände mietfrei zu bekommen. Es war ein Teil der Stadtwerke in der Fockestraße.

Wir sind dort eingezogen und die Presse hat gleich darüber berichtet, was die Nachbarn verärgerte. Die dachten, es mache ein Club in ihrem Viertel auf und haben von Beginn an dagegen gearbeitet. Da sich der Lärm sehr in Grenzen hielt, haben sie sich über das Schlagen der Autotüren beschwert, wenn die Leute in der Frühe heim gegangen sind. Bimbotown lief dann etwa drei Jahre lang und als es zumachte, ging ich anderen Aufträgen nach und auf Tourneen. Später ergab sich durch ein Gespräch mit Bertram Schulze dann die Gelegenheit, auf die Spinnerei zu ziehen.

Ein lebendiger Sessel im Bimbotown in Leipzig.
Ein Kind wird von einem hüpfenden Sessel in die Luft geschleudert.

Das ist die Halle, in der wir jetzt sitzen. Du bist hier seit 2004 und jetzt musst du hier raus, weil die Halle saniert wird.

Wir haben die Genehmigung für Bimbotown durch einen organisatorischen Fehler verloren, der außerhalb unserer Kontrolle lag. Die Auflagen des neuen Gutachtens konnten wir nicht erfüllen. Zwei Sachbearbeiter vom Bauordnungsamt haben uns dann geholfen eine Sondergenehmigung zu bekommen, wodurch wir Bimbotown fünf mal im Jahr öffnen konnten. Die Genehmigung ging drei Jahre weiter, aber im Jahr 2012 sind die beiden dann in Rente gegangen und daraufhin musste Bimbotown schließen. Die Halle soll komplett saniert werden, um die Brandschutzbestimmungen zu erfüllen.

Mit Zustimmung der Verwaltung haben wir also nur noch bei jedem Spinnerei-Rundgang für das Wochenende geöffnet. Von der Besucherzahl war es sogar sehr erfolgreich, denn es sind tagsüber mehr Gäste gekommen, als bei den Abendveranstaltungen. Nur konnten wir keine Performance Acts mehr buchen, keine Bar öffnen und keinen Eintritt mehr nehmen.

Bist du von der Stadt oder der Spinnerei unterstützt worden?

Die Stadt hat es öfters versucht, aber noch hat es nicht gepasst. Bisher ging es auch ohne. Mit Helmstedt hatte einen sehr guten Partner, der alles Schriftliche geregelt hat. Die Genehmigungen, die Bar, die Löhne, die Steuer. Ich habe die kreative Arbeit gemacht und mich um die Werbung, die Bands und Performances gekümmert. Worauf ich in Bimbotown viel Wert lege, ist gute Acts zu finden. Zum Glück hätte ich da viele Kontakte von früher.

Viele Materialien sind bis über 30 Jahre alt. Manche stammen vom Sperrmüll aus verschiedenen Ländern.

Woher stammen die Materialien, die du hier so verbaut hast?

Viele Materialien sind über 30 Jahre alt. Manche stammen vom Sperrmüll aus verschiedenen Ländern. Es gibt auch noch ganz ausserordentliche, bisher ungenutzte Objekte. Und ich habe natürlich Mitte der 90er Jahre viele interessante Materialsammlungen in Leipziger Fabrikruinen gefunden. Zum Beispiel hunderte von Toilettenspühlmechaniken, eine davon habe ich mal zum Hauptventil einer springenden Heuschrecke für das Theater umgebaut. Das Zeug lag damals noch einfach unberührt in den Ruinen herum. In dieser Form habe ich das nie wieder gefunden. Nur in Leipzig, direkt nach der Wende.

Die Kulissen und die Bar aus tausenden von Weinflaschen sind von einem kreativen Mitarbeiter im marrokanischen Stil gebaut worden. Ich schätze sie sehr und überlege zur Zeit, wie ich diese Teile mitnehmen kann. Ich habe die mechanischen Möbelstücke und die Robotik entwickelt und gebaut. Die Sofas, die Sessel, die fahrenden Betten. Praktisch alle fahrenden Objekte und Maschinen und deren Steuerung. Später kamen dann auch Elektroniker dazu, die es veredelt haben. Die Sicherheit aber lag in meiner Verantwortung. Nachts lag ich dann wach und habe darüber gegrübelt, was alles passieren und wie ich es besser absichern kann.

Jim Whiting im Bimbotown Leipzig.
Pressluftflasche in der Werkstatt von Jim Whiting auf der Baumwollspinnerei in Leipzig Plagwitz.
Ein Blick in die Werkstatt von Jim Whiting.
Überall finden sich skurile Figuren.
Warnschild an einem Gerät im Bimbotown in der Baumwollspinnerei Leipzig.
An der Decke von Bimbotown hängen zahlreiche Figuren, die von Jim Whiting gefertigt wurden.

Ist denn jemals was passiert?

Seitens der mechanischen Objekte ist glücklicherweise nie etwas Schlimmes passiert. Denn diese sind auch bewusst nicht kräftig genug gebaut, um Verletzungen anzurichten. Nur einmal kam es zu einer furchtbaren Havarie, bei der sich die fahrenden Betten fast senkrecht aufgestellt haben und einzelne Räder abbrachen. Ich fragte mich anschließend, zu welchem Zeitpunkt die Gäste dies wahrnahmen und sich zur Flucht entschlossen.

Wie würdest Du Bimbotown beschreiben, wie nennst du das?

Es ist eine Fantasiewelt, die den Mensch vom Alltag trennen kann. Eine Kombination von Live Unterhaltung und skurillen Kreationen, die Jung und Alt anspricht. Ich habe es gebaut, aber ich kann es selbst schwer beschreiben. Ein Freund verglich es einmal mit dem magischen Theater aus dem Buch Steppenwolf, von Hermann Hesse.

Am Spinnereirundgang habe ich dich viel herumrennen sehen und Dinge reparieren. Du musstest oft Hand anlegen. Liegt das daran, dass die Dinge schon so lange laufen?

Ja, sehr lang. Manche der Objekte arbeiten schon über zwanzig Jahren. Da es jetzt zwischen den Veranstaltungen lange Pausen gibt, weiß man kaum noch wo Mängel sind. Wir hatten ein Logbuch, in dem wir diese Mängel notiert haben. Das klappt nicht mehr, da es seit langem vollgeschrieben ist. Außerdem erfreuen sich die Gäste am kreativen Missbrauch der Sachen. Oft sitzen zu viele auf den Betten. Oder es sind Scherben auf dem Boden, wodurch die Maschinen platte Reifen bekommen, und wegen des Plattens bricht dann irgendwann die Kette.

Wenn man Gelder hätte, dann könnte man besseren Materialien benützen, wie geschäumte Reifen. Wenn es keine Investitionen gibt, dann improvisiert man mit gefundenen Materialien, was gut für die kreative Arbeit ist. Ich repariere die Maschinen gerne und lerne viel dabei. Die Partys sind sowieso die beste Gelegenheit, um alle Fehler zu entdecken und die Sachen quasi zu testen. Es gab immer viel zu tun. Das ist ja nur ein Mensch dahinter, der das gebaut hat, der sich das ausgedacht hat. Es steckt alles in meinem Kopf, wie ein Blueprint. Ich könnte jetzt alles wieder von Neuem bauen und das viel besser als zuvor. Irgendwann möchte ich dies auch tun, mit besseren Materialien, die ich gezielt bestelle und dann bei Bedarf einfach nachbestellen kann.

Hast du Beispiele, was du verbessern möchtest?

Ja, endlos. Da können wir ja einfach nur ein beliebiges Objekt in die Hand nehmen. Wenn du wüsstest. Alles mögliche, zum Beispiel die Schaltungen der Sofas. Wenn Leute vom Sofa gefressen werden, dann könnten überall Sensoren und Bewegungsmelder die unterschiedlichen Bewegungen der Leute erkennen und die jeweils nächste Phase einleiten. Eine tolle Sache wäre dazu auch eine automatische Fehlererkennung, damit man sofort reagieren kann und die Show pausenlos weiter läuft.

Momentan stirbt Bimbotown einen langsamen Tod. Ich brauche jetzt wieder eine Richtung, damit ich weiß, wie es weiter geht.

Bimbotown wirkt mitunter wie eine Geisterbahn auf Drogen.
Zwei Gäste fahren auf einem der fahrenden Betten in die Unterwelt von Bimbotown.

Kommt Bimbotown dem Ideal von deiner Welt nahe?

Ja, ich bin immer begeistert. Aber ich habe ganz große Ambitionen es weiter voranzutreiben, es weiter auszubauen. Momentan stirbt Bimbotown einen langsamen Tod in der Spinnereihalle. Ich brauche jetzt wieder eine Richtung, damit ich weiß, wie es weiter geht. Ich habe mich hier ein bisschen verloren. Es gibt Gespräche alles nach London zu bringen, um dort eine provisorische Show aufzubauen. Darauf freue ich mich sehr. Die Halle ist ein abgefackeltes Theater, hoch und ohne Säulen. In die Säulen hier auf der Spinnerei wird oft reingefahren. Danach hoffe ich 2016 wieder nach Leipzig zurückzukehren, wenn ich bis dahin einen guten Standort gefunden habe.

Wird das auch eine Halle sein, in der parallel Performances gezeigt werden?

Ja klar.

Und du würdest die Maschinen auch gar nicht im Museum zeigen wollen?

Museum? Für einzelne Kunstwerke schon. Aber Bimbotown ist ja zum Mitspielen. Ich suche auch die Verbindung von Bühne und interaktiven Maschinen. Dadurch wird einem weder das eine noch das andere zu langweilig. Die meisten Bühnenshows und Requisiten-Theatershows sind kürzer als zehn Minuten. Das schauen Gäste sitzend auf Kissen und Stühlen an, dazwischen verteilen sie sich unter die maschinelle Unterhaltung.

Hüpfende Sessel und Stühle, das fressende Sofa, die berühmte Bettfahrt. Das und vieles mehr konnte man im Bimbotown in Leipzig sehen.
Fragile Konstruktionen sind ebenfalls im Bimbotown in Plagwitz zu finden.
Eine Konstuktion von Jim Whiting in Bewegung.
Dreimal im Jahr war Bimbotown auf der Baumwollspinnerei in Leipzig zuletzt geöffnet.
An einem der Spinnerei Rundgängen kommen unzählige auf das Leipziger Gelände.

Womit fängst du an zu arbeiten? Mit dem Material oder mit der Bewegung?

Es ist wie bei jemandem der Lieder schreibt. Denkt er sich erst die Melodie oder den Text aus? Er wird sagen, dass alles zusammenkommt. Bei mir ist es auch manchmal so, dass alles im Kopf plötzlich zusammenpasst. Ich genieße es alltägliche Haushaltsgeräte und arbeitsersparende Bauteile in völlige zweckentfremdete Absurdität und Anarchie zu bringen.

Wie sieht denn dein Tag aus? Bist du immer in Bewegung? Beim Portraitbild wolltest du eigentlich auch nicht sitzen?

Ja, ich kann nicht sitzend arbeiten, weil der Prozess aus der Montage unterschiedlicher Materialien konstantes Herumlaufen, -suchen und Zusammenbringen benötigt. Daher bin ich immer in Bewegung wenn ich arbeite. Im letzten Jahr habe ich wenig gebaut und war viel unterwegs. Nun suche ich ein neuen Standort, um die Dinge wieder zeigen zu können. Und wenn das alles läuft, dann renne ich immer wieder ständig herum. Zu Ende der Arbeit muss ich öfters auf dem Boden liegend die Beine zur Erholung an die Wand hochstellen, genau wie ein Tänzer oder Athlet.

Ein Blick in die Werkstatt von Jim Whiting im Bimbotown.
Was auf den ersten Blick wie Sperrmüll wirkt, ist Basismaterial für die Erstellung der Figuren.

Arbeitest du an mehreren Objekten gleichzeitig oder an einem, bis es fertig ist?

Das kommt darauf an. Wenn ich in einem Fluß bin, dann unterbreche ich sehr ungern. Ich muss am Ende des Tages etwas sehen können. Aus den Materialien, die ich so herumliegen habe, baue ich etwas zusammen. Es ist wie das Zusammensetzen eines riesiges Puzzle. Heute kann ich ja fast alles über das Internet bestellen, was meistens ein paar Tage Unterbrechung bedeutet, weil mir ein wichtiges Teil zum Weiterbauen fehlt. Wenn ich beim Schrotthändler bin, dann sehe ich sofort, was ich brauchen kann. Ich habe hierfür Adleraugen und ich bekomme auch immer, was ich suche.

Deine Figuren haben etwas traumhaftes, manchmal auch Alptraumhaftes. Gibt es einen Alptraum den du erinnerst?

Da war ein Traum, in dem ich mit meiner Familie ein Schloss besichtigt habe. Und in der Mitte eines großen Saals war ein Maschinengewehr auf einer Drehkonsole montiert, dass sich selbständig gedreht und um sich geschossen hat. Mich hat es so sehr fasziniert, wie diese Mechanik automatisch funktionierte, das ich es einen Moment zu lang angeschaut habe, dann wurde ich davon getroffen. Ich war abgeschnitten von meiner Familie, die friedlich weiter gegangen ist. Ich habe gespürt, dass ich verwundet wurde. Diese automatisch betriebene Kreisbewegung war Ursprung vielen meiner fliegenden und laufenden Werke.

Kronleuchter im Bar-Bereich des Bimbotown in Leipzig.
Eine fragile Konstruktion von Jim Whiting.
Wie aus einem Alptraum erscheinen manche Konstruktionen.
Beine spielen eine wichtige Rolle im Kosmos von Jim Whiting.

Als du klein warst, hat deine Familie in Afrika gewohnt, wie kam das?

Ich bekam mit zwei Jahren Rachitis. Meine Schwester auch. Aus Mangel an Vitamin D. Nachts musste ich ein furchtbares, braunes, altes Ledergestell tragen. Mit Bändern und einer Stange zwischen den Beinen. Damit wurden die Füsse nach außen gedreht. Das ist schon von Familie zu Familie weitergegeben worden. Ich habe natürlich nicht mehr viel geschlafen. Ein Arzt empfahl meinen Eltern in eine sonnigere Gegend zu ziehen. Sie sind wegen uns zwei Kindern nach Afrika gezogen. Dort verschwanden auch gleich die Symptome. Ich denke, dass das Ledergestell meinen Blick auf die Kombination von Maschinen und Mensch gelenkt hat. Und auch auf die vielen pressluftbetriebenen Roboterfiguren.

Kopf einer ehemaligen Schaufensterpuppe im Bimbotown in Plagwitz.
Eine kleine Figur in einem Glaskasten.

Als Betrachter bin ich fasziniert davon, wie natürlich die Bewegungen deiner gebauten Objekte sind. Zum Beispiel bei der im Kreis laufenden Figur, die nur aus Beinen besteht.

Ja, menschliche Bewegung fand ich schon immer sehr spannend. Ich habe als Kind von meiner Mutter ein heutzutage bekanntes Marionettenbuch geschenkt bekommen. Das stammte von einem englischen Ehepaar. Darin gab es Zeichnungen von Kniegelenken. Alles war nahtlos vernäht und verbunden, Schönheit mit etwas Trauer. Auch Erzählungen und Geschichten haben mich oft beeinflusst. Die Tochter der Nachbarin in Afrika erzählte damals, wie ihr Freund einen Bauernhof unerlaubt betreten hat, auf der eine Selbstschussanlage stand. Er wurde in die Beine geschossen. Mich hat es fasziniert, die Kombination von Horror mit Automatik, dass jemand so etwas bauen konnte. Dieses Interesse hat viele Träume verursacht. So kam ich dazu mit Bewegung und Anatomie zu arbeiten. Vieles davon ist in diesem Objekt kombiniert.

Dann stammen die Beine, die den Ofen im Westflügel bewegen, auch von dir?

Ja. Axel Schmitz, der den Ofen für den Westflügel baute, fragte, ob ich den Ofen zum Drehen bringen könnte. Ich sagte, mit der Bestechung eines Glas guten Whiskys in der Hand, das es möglich sei, aber nur von mechanisch laufenden Beinen. Die können das ziehen und es damit zum Drehen bringen. Das war nicht so einfach weil der Widerstand sehr groß werden kann. Bei einem Kugellager mit einem so großen Gewicht darauf, könnte schon ein kleines Sandkorn das Getriebe stören, deswegen braucht das Robotermännchen manchmal sehr viel Kraft, um den Ofen zu bewegen. Nach einiger Zeit müßte der Westflügel dem Kleinen auch mal ein paar neue Schuhe spenden.

Anfangs waren die Gäste etwas reserviert, haben sich dann aber total in den Aktivitäten verloren und sich wie Kinder gefreut.

Das ist schön. Ich schaue den Beinen immer gern zu, wie sie den Ofen drehen. Hast du in vielen Ländern Installationen gemacht? Reagieren die Leute sehr unterschiedlich auf deine Objekte?

Ja, es gab eine Menge Tourneen in Europa, auch drei mal in den USA. Je nachdem in welchem Rahmen es stattfand, waren die Reaktionen unterschiedlich. Einmal hat mir Harald Falckenberg, ein bekannter Hamburger Kunstsammler, eine Ausstellung finanziert. Ich konnte das ganze Bimbotown in Hamburg aufbauen und drei Wochen lang täglich öffnen. Er hat dann eine Benefizveranstaltung organisiert, um Spenden für seine Kunstsammlung zu finden. Dafür habe ich mehrere Bühnenkünstler aus England eingeladen. Anfangs waren die Gäste etwas reserviert, haben sich dann aber total in den Aktivitäten verloren und sich wie Kinder gefreut.

Ähnlich war es im Leipziger Bimbotown wo es einmal eine Managerkonferenz gab. Die waren auch erst etwas steif. Da sass der etwa 70-jährige Vorstandsvorsitzende auf dem fressenden Sofa. Ich wußte nicht dass er der Chef war und das Sofa fing an ihn zu verschlingen. Er hing da mit fuchtelnden Armen und ich tat das, was ich in solchen Situation immer gemacht habe. Ich habe seinen Beinen im Vorbeigehen einen Schubs gegeben, so dass er nach hinten über in das Sofa gefallen ist und sozusagen gefressen wurde. Alle haben gelacht und das Eis war gebrochen. Danach haben alle angefangen zu spielen.

Zwei Personen sitzen auf dem fressenden Sofa im Bimbotown.
Das fressende Sofa im Bimbotown Leipzig ist hungrig.
Ein fressendes Sofas steht im Bimbotown auf der Baumwollspinnerei in Leipzig.
Das fressende Sofa ist eine der bekanntesten Attraktionen in Bimbotown. Die Überraschung ist vor allem dann groß, wenn man vorher nicht weiß, worauf man sich einlässt.

An dieser Stelle kam Andrew in den Raum und wir unterbrachen kurz unser Gespräch. Jim erzählte uns anschließend, dass Andrew von seinen Eltern genötigt wurde, eine Friseurlehre zu absolvieren und jetzt als Performance Artist arbeitet. Er hasste seinen gelernten Beruf so sehr, dass er Wege fand, seine Frustration kreativ zu verarbeiten. Auf jener Veranstaltung in Hamburg integrierte er den anwesenden Sänger einer nicht unbekannten Band in sein Bühnenprogramm.

Ausgerüstet mit Kamm, Schere und Rasierapparat machte sich Andrew ans Werk. Der Sänger, etwas unruhig geworden durch das Grummeln des Rasierapparats, fragte, ob alles in Ordnung sei. Andrew, nachdem er ihm einen invertierten Irokesenschnitt (reverse mohawk) verpasste, versicherte ihm, dass alles gut sei und er klasse aussehe. Nur um einen Augenblick später den Prozess um neunzig Grad gedreht zu wiederholen, sodass am Ende nur vier Haarbüschel übrig blieben.

Andrew ist lebend aus der Geschichte herausgekommen, denn wir trafen ihn nach unserem Gespräch mit Jim in der Halle. Aber der Sänger lief wohl noch lange am Abend umher und riss die Filme aus den Kameras der Fotografen, damit kein Bild davon übrig blieb.

Haben sich die Sachen, die du als Kind gebaut hast, auch schon bewegt?

Ja, ich habe schon mit etwa fünf Jahren damit begonnen Maschinen nachzubauen, die mir gefielen. So wie man etwas fotografiert was einem gefällt, weil man die Atmosphäre mit nachhause nehmen möchte. Und bei mir war es die Mechanik auf Flughäfen oder auf der Kirmes. Diese Aufregung die ich dort erlebt habe, wollte ich einfangen, indem ich die Mechanik zu Hause nachbaute.

Und ab wann wurden deine Objekte elektrisch?

Im Internat habe ich von meinen Mitschülern für wenig Geld ihre teuren Metallbaukästen abgekauft, die sie von ihren Eltern oder Verwandten geschenkt bekamen und für die sie keine Verwendung hatten. Damit habe ich ein grosses Atelier aufgebaut. Mit dreizehn habe ich die ersten Transistoren in Geräte eingebaut. Geholfen hat mir ein Freund, der ganz früh schon eine Sendelizenz hatte. Der war auch auf Kanonenbau mit Schwarzpulver spezialisiert. Das war damals etwas Besonderes.

Clown Pipa steht uns für ein Portrait zur Verfügung.
Clown Pipa steht uns für ein Portrait zur Verfügung.
Blick in den hinteren Bereich des Bimbotowns.
Von Jim Whiting gerettete, ausrangierte Brunnen.

Wie bist du zur Kunst gekommen?

Ich wollte nicht zur Kunstschule. Ich wollte ganz konkret an meinen Sachen arbeiten und hatte auch schon das eine oder andere gebaut. Aber dann hieß es ja immer, du musst einen Beruf haben. Ich war hin und her gerissen. Ich ging dann kurz in die Kunstschule, habe aber gemacht was ich wollte. Ich habe als Montageingenieur zum Beispiel im Theater gearbeitet, dann wurde ich Werkstattleiter in einer Architektenschule. Das war gut. Da hatte ich alle Maschinen zur Verfügung. Parallel dazu hatte ich Ausstellungen und sobald da größere Gelegenheiten kamen, bin ich dann dort weg. Damals konnte ich bei großen Installationen in Ausstellungen auch gut verdienen.

Jetzt gehst du also erst einmal mit Bimbotown nach London?

Ja ich freue mich sehr dort wieder etwas zeigen zu können. Da ist ja eine Halle mit einem sehr hohen Giebel und ohne Säulen. Dadurch wird sich viel Neues entwickeln.

Aber du möchtest auch nach Leipzig zurück?

Ja, hier gibt es mehrere große Hallen, die für eine langfristige Benutzung geeignet sind. Ich möchte auch gern wieder das Bimbotown hier betreiben und auch darin wohnen. Aber ich brauche jetzt auch etwas mehr Grün in meinem Leben, nicht nur Beton.

Das wird ein großer Schritt für Bimbotown, wenn du jetzt alles einpacken und neu aufbauen wirst.

Ich war in den letzten Jahren überall am Suchen, nur nicht bei der Arbeit. Nach der Schließung, dem Verlust der Genehmigung, kam der langsame Tod von Bimbotown. Deshalb muss ich von der Spinnerei weg. Im Moment kann ich mir so einen Neubeginn eigentlich gar nicht vorstellen. Aber wenn ich dann daran bin, wird der ganze Umzug zu ein Projekt und dann wird es auch wieder interessant.

Daraus werden sich bestimmt auch neue Dinge entwickeln. Hast du schon Ideen?

Viele. Ich spiele gerne mit Gästen. Sie finden ja immer einen Weg die Ausstellungsobjekte zu missbrauchen. Daher möchte ich gerne mehr mit Psychologie arbeiten und ihnen immer einen Schritt voraus sein. Ich möchte noch mehr irritieren. Ich möchte Gäste auch mal von ihren Freunden trennen, von den Gruppen, mit denen sie da sind. In Frankreich gab es zum Beispiel hinter dem fressenden Sofa ein Labyrinth, da kamen die Gäste dann an völlig anderen Orten wieder heraus.

Info

Jim Whiting verbrachte seine Kindheit in Simbabwe und kam 1959 nach London. Er studierte dort Bildhauerei und lebt seit 1979 als freischaffender Künstler. Bekannt geworden ist er unter anderem durch das Musikvideo Rockit von Herbie Hancock in dem seine Arbeiten zu sehen sind. Von 1988 bis 1992 ging er mit großem Erfolg mit seinem Maschinentheater Unnatural Bodies auf Tour und kam schließlich 1996 nach Leipzig, wo er Bimbotown installierte.

Credits

Das Interview führte Petra Mattheis.
Fotos von regentaucher.com.

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