Das Engagement jedes Einzelnen ist wichtig.

Frank Schwärzel

Lesedauer: 12 Minuten

Frank Michael Schwärzel engagiert sich seit mehreren Jahren aktiv bei Haushalten, einem Verein, der das Konzept der Wächterhäuser entwickelt hat.

Hauseigentümer werden hierbei von den Kosten und der generellen Sorge um ihr Haus entlastet und finanzieren im Gegenzug eine Nutzung der Gebäude auf minimalem Standard. Diese Bestandswahrung sichert die Substanz der Gebäude und befördert gleichzeitig die Belebung der Viertel. Seit der Gründung des Vereins im Jahr 2004 wurden zahlreiche Wächterhäuser installiert und mittlerweile in neue Nutzungsverhältnisse überführt.

Wir haben Frank Schwärzel im Vereinsgebäude von Haushalten in der Lützner Strasse in Lindenau besucht und über das Konzept der Wächterhäuser und die weiteren Projekte des Vereins gesprochen.

Wie lange lebst Du schon in Leipzig?

Kurz nach der Wende habe ich als Industriesteinmetz in Dresden und Bitterfeld zwei Betriebe aufgebaut. Anschließend bin ich nach Leipzig gekommen, das war 1996, vor 18 Jahren.

Ich habe mir nie vorstellen können hier zu leben. Ich bin immer mit Scheuklappen durch die Georg-Schwarz-Straße gefahren.

Frank Schwärzel in seinem Atelier in der Georg-Schwarz-Straße in Leipzig Leutzsch.
Frank Schwärzel in seinem Atelier in der Georg-Schwarz-Straße in Leipzig Leutzsch.

In welchen Vierteln hast du seitdem gelebt?

In Schkeuditz, Böhlitz-Ehrenberg und jetzt in Leutzsch. Ich habe mir nie vorstellen können hier zu leben. Ich bin immer mit Scheuklappen durch die Georg-Schwarz-Straße gefahren und dachte „Bloß nicht, das ist ja der Vorhof zur Hölle”. Aber jetzt bin ich glücklich hier. Es wird immer mehr saniert, die Faschisten werden weniger, es ist alles auf einem guten Weg.

Lebst du in einem Wächterhaus?

Ja, das Haus gehört zur Stadtbau AG. Es ist zur Zeit noch ein Wächterhaus und wird Ende des Jahres saniert. Dann ist die Zwischennutzung abgelaufen.

Wie kamst du denn zum ersten Mal in Kontakt mit Haushalten?

Durch Hörensagen. Ich habe mich in die Liste der Interessenten eingetragen, hatte aber damals noch kein Internet. Aus diesem Grund hat es eine Weile gedauert, bis ich die Einladungen zu Hausbesichtigungen dann auch bekommen habe. Ich bin jetzt im dritten Jahr Wächterhausnutzer und seit zwei Jahren Vereinsmitglied.

Es fing mit einem Eckhaus an, und nach und nach kamen andere Häuser dazu. Inzwischen sind wir eine richtige Institution in Leipzig.

Detailaufnahme eines Beils im Atelier von Frank Schwärzel in Leipzig Leutzsch.
Eine gebogenen Gabel dient als Schubladengriff.
Verschiedene Werkzeuge hängen an einem Holzbrett im Atelier von Frank Schwärzel in Leipzig.
Eine umfunktionierte Bierkiste aus Holz dient als Bücherregal.
Frank Schwärzel in seinem Atelier in der Georg-Schwarz-Straße in Leipzig Leutzsch.

Wie kamst Du zu dem Entschluss, dich aktiv im Verein zu engagieren?

Als Wächterhausnutzer kommt man immer wieder mit dem Verein in Berührung. Ich habe gespürt, dass hier etwas passiert, etwas bewegt wird. Das wirkt nach außen so geheimnisvoll. Ich habe gefragt, ob ich dem Verein helfen könne und nach einem Jahr wurde ich als Mitglied aufgenommen.

Wie viele Mitglieder seid ihr?

Wir sind 13 Mitglieder, davon sind neun aktiv.

Hat jedes Mitglied das gleiche Stimmrecht?

Es gibt einen Vorstand, der letztlich die Entscheidung fällt. Die Mitglieder werden nach ihrer Meinung gefragt und tauschen sich miteinander aus. Da gehen dann pro Tag zehn bis fünfzehn E-Mails hin und her. Aber bei zentralen Fragen entscheidet am Schluss der Vorstand. Die Verantwortung muss ja auch getragen werden.

Wie oft trifft sich der Verein?

Einmal pro Monat. Im Vorfeld wird eine Tagesordnung mit den wichtigsten Punkten erstellen. Die Treffen dauern dann mindestens zwei Stunden.

Wie entstand die Idee zu Haushalten?

Haushalten ist aus der Idee entstanden, dass diese wunderschönen Gründerzeit Eckhäuser immer verwaist waren und durch Vandalismus viel Schaden entstanden ist. Dass sich keine Käufer finden, oder die Eigentümer kein Geld haben, die Häuser zu sanieren.

Die Gründungsidee war es, solche Häuser befristet zu übernehmen und einen preiswerten Wohnraum zu schaffen, indem Menschen gefunden werden, die sich verpflichten, die Häuser zu hüten, im Winter zu beheizen, im Sommer zu belüften. So kamen die Wächterhäuser zu ihrem Namen. Durch diese Hauswächter war es möglich, die Bausubstanz der Häuser zu erhalten.

Es fing mit einem Eckhaus an, und nach und nach kamen andere Häuser dazu. Inzwischen sind wir eine richtige Institution in Leipzig. Die Stadt arbeitet eng mit uns zusammen und auch die Hauseigentümer kommen inzwischen zu uns und bieten uns Gebäude an, die wir zu bestimmten Konditionen für ein paar Jahre übernehmen könnten.

Es gibt kaum noch passende Eckhäuser. Selbst Gebäude in grauenhaftem Zustand werden zur Zeit gekauft, weil viel billiges Geld auf dem Markt ist.

Sucht der Verein auch noch selbst aktiv nach Häusern?

Der Verein sucht auch noch selbst, aber das Konzept der Wächterhäuser wird hier in Leipzig in ein paar Jahren aussterben. Es gibt kaum noch passende Eckhäuser. Selbst Gebäude in grauenhaftem Zustand werden zur Zeit gekauft, weil viel billiges Geld auf dem Markt ist. Dafür drängen andere Konzepte stärker in den Vordergrund, wie zum Beispiel das Konzept der Ausbauhäuser. Die Nutzer erhalten langfristige Verträge, ab zehn Jahren aufwärts, und bauen den Wohnraum selbst aus. Sie können so auf Jahre preiswert wohnen, da Ihnen der Eigentümer im Gegenzug mit dem Mietpreis entgegenkommt.

Dann das Konzept der Selbstnutzerhäuser. Das sind Häuser, die auf Raten gekauft werden und ebenfalls selbst ausgebaut werden.

Wächterhaus in der Engertstrasse in Leipzig.
Ein Wächterhaus in der Engertstraße 23, in der Nähe des Plagwitzer Bahnhofs.
Das Nachbargebäude des Gebäudes in der Engertstrasse in Leipzig wurde weggerissen.
Detailaufnahme der Fassade und der Informationsplane der Wächterhäuser.
Detailaufnahme der Eingangstür des Wächterhauses am Plagwitzer Bahnhof.
Blick von unten auf die Erker des Wächterhauses in der Engertstrasse Leipzi.

Seit wann gibt es Haushalten?

Vor neun Jahren wurde der Verein von Fridjof Mothes, Stephen Freese, Astrid Heck und Tim Tröger gegründet.

Wieviele Häuser habt ihr in der Zeit gehütet?

Knapp 20 Häuser, denke ich.

Ist es schwer Leute zu finden, die dort einziehen wollen?

Nein, das ist nicht schwer. Es kann sich jeder bewerben und auf eine Liste setzen lassen. Sobald ein neues Haus zu Verfügung steht, erhält jeder Interessent eine E-Mail mit dem Besichtigungstermin. In der Regel ist so ein Haus dann ruckzuck voll mit Nutzern.

Wächterhaus in der Nähe des Lindenauer Marktes Leipzig.
Ein entlassenes Wächterhaus in der Demmeringstrasse in Leipzig Lindenau. Hier befindet sich der D21 Kunstraum.

Wie läuft der Kontakt zwischen Vermieter und dem Verein?

Vom Erstkontakt bis zum Vertrag dauert es etwa neun Monate. Die Eigentümer leben ja auch oft nicht in Leipzig, sondern irgendwo in Deutschland, manchmal auch im Ausland. Das verzögert die Bearbeitung.

Haushalten ist der offizielle Mieter der Wächterhäuser. Der Eigentümer möchte in der Regel auch nichts mit den Nutzern selbst zu tun haben. Das ist auch gut so. Wir übernehmen das Haus, der Eigentümer bekommt seine Nebenkosten und eine sehr geringe Miete. Manche Eigentümer haben ein Haus rückübereignet bekommen, aber überhaupt kein Geld, um eine Sanierung durchzuführen. Also sorgen sie für eine Standardausrüstung und geben dann das Haus an Haushalten.

Was beinhaltet die Standardausrüstung?

Fließend Wasser auf allen Etagen, eine Toilette pro Etage und eine funktionierende Steckdose pro Etage. Den Rest machen die Nutzer. Diese Grundausstattung wird von uns so konzipiert, dass sie von späteren Nutzern übernommen werden kann. Die Wasserstränge zum Beispiel.

Wie alt sind die Leute, die in Wächterhäusern wohnen im Durchschnitt?

Na, von 18 bis zu meinem Alter. Ich glaube, ich bin mit 57 der älteste Wächterhausbewohner. Das Gros der Leute ist vermutlich zwischen 22 und 35 Jahre alt. Die meisten sind Studenten.

Wächterhaus in der Kuhturmstrasse in Leipzig Lindenau.
In diesem Gebäude am Lindenauer Markt befand sich bis vor Kurzem der Kunstraum Kuhturm.
Wächterhaus in der Lützner Strasse in Leipzig.
Entlassenes Wächterhaus in der Lützner Strasse. Vor einigen Wochen haben wir hier Anna Schimkat besucht und über Lindenow gesprochen.
Wächterhaus in der Lützner-Strasse 55 in Leipzig Lindenau.
Ein weiteres ehemaliges Wächterhaus in der Lützner Strasse in Leipzig Lindenau.
Ehemaliges Wächterhaus in der Zschocherschen Strasse in Leipzig.
Ein entlassenes Wächterhaus in der Zschocherschen Strasse, das gerade umfangreich saniert wird.

Müssen die zukünftigen Nutzer alles selbst reparieren?

Ja, die müssen alles selbst machen oder organisieren. Wenn das Dach undicht ist, dann ist das natürlich Sache des Eigentümers. Nicht beheizbare Räume werden oft als Lagerräume genutzt.

Nehmt ihr nur Leute, die handwerklich geschickt sind?

Nein, da sind auch Leute dabei, die können keinen Nagel einschlagen. Wenn sie das nicht selbst können, dann müssen sie jemanden dafür finden. Sie können auch bei Haushalten fragen. Wir haben zwei Rentner, die etwas dazuverdienen. Die kann man auch mal fragen. Wir haben auch Werkzeug, dass man sich leihen kann.

Gibt es eine Auflage im Mietvertrag, dass die Struktur des Hauses erhalten bleiben muss?

Ja, wir haben genaue Auflagen. Zum Beispiel darf eventuell vorhandenes Parkett nicht entfernt werden, Wände dürfen auf gar keinen Fall herausgenommen werden. Wir legen auch vertraglich fest, wieviele Türen es gibt, wie viele Griffe, wie viele Öfen in den Wohnungen stehen.

Was ist mit Fensterglas?

Das regeln wir eigentlich mit den Nutzern selbst. Wir haben ein Bergelager, dort gibt es Fenster. Die stammen aus Abrisshäusern oder wir bekommen diese manchmal geschenkt. Es gibt hier im Haus eine Liste mit der Anzahl und Größe der Fenster, wie viele Waschbecken vorhanden sind und so weiter. Die Nutzer können sich das dann nach Ansprache gegen eine Spende abholen.

Ich bin im Verein auch für die Kommunikation zwischen Haushalten und den Nutzern zuständig und versuche zu erreichen, dass sie sich nicht alleingelassen fühlen.

Wächterhaus in der Zschocherschen Strasse in Leipzig Lindenau.
Auf der Zschocherschen Strasse liegt ein weiteres Wächterhaus, das in die Freiheit entlassen wurde.
Wächterhaus in der Nähe des Leipziger Felsenkellers.
Im Erdgeschoss befindet sich die Vleischerei, ein veganes Bistro und Späti.

Kann sich jeder für ein Wächterhaus bewerben?

Ja! Es wird immer wieder einmal behauptet, dass das Ansehen der Person wichtig wäre für die Auswahl. Das stimmt nicht! Jeder Bewerber erhält die Information, wann es eine Hausbesichtigung gibt. Und jeder bekommt auch die Chance, sich dort einzumieten. Da gibt es keine Unterschiede, egal, ob jemand HarzIV-Empfänger, Student oder Großverdiener ist. Es gibt keine Warteliste, sondern eine Verteilerliste.

Wie läuft ein solcher Besichtigungstermin ab?

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Es wird immer Etagenweise vermietet. Mindestens zwei Leute müssen für eine Etage haften und sich als Nutzer eintragen. Sie haften dann auch füreinander. Früher haben wir eine Etage auch einmal an einzelnen Nutzer vergeben, aber damit haben wir sehr schlechte Erfahrung gemacht. Es gab auch schon schwarze Schafe, die die Räume dann teuer weitervermietet haben. Das geht gegen unser Konzept. Das kommt nicht in Frage.

Die gemeinsame Haftung bindet auch eine Gemeinschaft sehr stark aneinander. Ich bin im Verein auch für die Kommunikation zwischen Haushalten und den Nutzern zuständig und versuche zu erreichen, dass sie sich nicht alleingelassen fühlen.

Es gibt natürlich immer mal Situationen, in denen es einfach nicht funktioniert.

Werden die potentiellen Wächterhäuser von euch nach bestimmten Kriterien ausgewählt?

Wir wollen schon auch Meilensteine in den jeweiligen Stadtteilen haben, die dann ausstrahlen. Die Eckhäuser sind ja von sich aus sehr präsent. Die Stadt hat auch oft ein Interesse daran, dass solche Häuser von Haushalten geschützt werden, weil man an einem durchgehenden Stadtbild interessiert ist. Wenn dann ein Gebäude von Haushalten übernommen wird, werden oft andere Hausbesitzer nervös und fangen an, auch etwas zu tun.

Wächterhaus in der Merseburger Strasse in Leipzig.
Wächterhaus in der Merseburger-Strasse 17.

Was macht Haushalten noch?

Wir beraten zum Beispiel Eigentümer und nennen ihnen Stellen, bei denen Fördermittel beantragt werden können. Wo erhalte ich Fördergelder, was muss ich dafür tun und wie geht es dann weiter? Was ist zum Beispiel mit Wärmeschutzdämmung?

Seitdem regelmäßig Presseartikel über Haushalten erscheinen, erhalten wir auch immer mehr Anfragen von den Hausbesitzern selbst. Vor Kurzem ist ein Dokumentarfilm über Haushalten erschienen. Aus der Schweiz war neulich die Ministerin für Wohnen und Bauen da, weil sie sich für das Konzept interessierte.

In Norditalien begleite ich zur Zeit ein Projekt von Haushalten, in dem es um leerstehende Häuser und Integration von Ausländern geht. Ich hatte die Region besucht um das Projekt vorzubereiten und jetzt wurden uns 25 Häuser zur Auswahl angeboten.

Wie finanziert sich der Verein?

Haushalten finanziert sich durch die Fördermitgliedschaft und Spenden. Als Nutzer bezahlt man eine geringe Wohnraummiete, zahlt Betriebskosten und die Mitgliedschaftsbeiträge. In dem Haus, in dem ich wohne, sind das fast 900 Euro im Monat. Über diese Beiträge kann sich der Verein finanzieren und die Kosten für einen Festangestellten, die Erstellung von Werbematerial, die Heizkosten für das Vereinshaus und was so anfällt aufbringen.

Darüberhinaus finanziert sich Haushalten auch über Forschungsaufträge. Damit habe ich selbst weniger zu tun. Dafür gibt es Arbeitsgruppen, die dann auch bezahlt werden.

Was ist mit dem Vereinshaus?

Eigentümerin ist eine alte Dame, die das Gebäude nicht verkaufen wollte, weil so viel Familiengeschichte daran hängt. Sie konnte es aber auch nicht selbst nutzen. Durch Fördermittel und in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt, Sozialamt und Rehaprogrammen konnten wir das Gebäude vergleichsweise günstig sanieren.

Wenn ein Haus marode ist und die Leute müssen raus ist das auch Gentrifizierung.

Vereinshaus von Haushalten.
Das Vereinsgebäude von Haushalten e.V. in der Lützner-Strasse.
Wächterhaus in der Lützner Strasse in Leipzig.
Auch dieses Gebäude ist ein ehemaliges Wächterhaus, das vor Kurzem umfangreich saniert wurde.

Warst du immer schon sozial engagiert?

Nein, das ist das erste Mal, dass ich ehrenamtlich arbeite. Das Engagement jedes Einzelnen ist das „A und O“ von Haushalten.

Wie viele Häuser waren Wächterhäuser und sind dann von den ehemaligen Wächtern gekauft worden?

Nicht viele, ein paar vielleicht. Ein paar der Wächterhäuser sind entlassene Häuser, die werden nicht mehr von Haushalten betreut.

In welchen Stadtteilen gibt es Wächterhäuser?

Aktuell gibt es Wächterhäuser nur im Westen von Leipzig. Im Osten gibt es Ausbau- und Selbstnutzerhäuser.

Wie schafft ihr es im Verein Entscheidungen zu treffen? Wie werdet ihr euch einig?

Eigentlich ist es ein anarchistisches Modell, dass sich auf Grund der Logik in ein demokratisches Modell wandelt. Zu Beginn kann jeder seine Meinung einbringen, und dann wird aussortiert. Dann finden sich Gruppen, die ihre Meinung zusammenlegen.

Entscheidet der Vorstand meistens mit der Mehrheit der Mitglieder?

Ja.

Glaubst Du, dass Haushalten mitverantwortlich ist für die Gentrifizierung, die im Leipziger Westen stattfindet?

Das ist ein Modewort, das ist Quatsch. Ob das nun Gentrifizierung heißt oder Verdrängung. Es kommt auf das Gleiche raus. Das passiert so oder so. Wenn ein Haus marode ist und die Leute müssen raus, ist das auch Gentrifizierung. Das Haus wird erneuert, also kostet es danach mehr, was sich der vorherige Bewohner vielleicht nicht mehr leisten kann.

Gentrifizierung ist nichts Neues. Haushalten unterstützt das nicht, aber wir können das auch nicht verhindern. Wir bewahren Häuser, das war von Beginn an die Idee.

Wie viele Stunden arbeitest du bei Haushalten pro Woche in etwa?

Ich zähle die Stunden nicht. Ich glaube das tut hier keiner. Ich habe viele Termine für Haushalten, Pressetreffen mit Radiosendern, Zeitungsredaktionen, Besichtigungen mit Eigentümern, alle möglichen Besprechungen, Finanzkontrolle. Dann die Kommunikation zwischen Haushalten und den Nutzern und gemeinsam mit Tim Tröger kümmere ich mich um die Bankgeschäfte.

Wie viele Nutzer hat Haushalten zur Zeit?

Das weiß ich nicht genau, wir wissen nur wie viele Verträge wir haben. Aber ganz genau weiß man ja nicht, wie viel untervermietet ist. Es gibt zwar eine Vorschrift, dass wir den Untermietverträgen zustimmen müssen, aber nicht jeder hält sich daran.

Was sagst du zur Entwicklung des Leipziger Westens? Für uns war sie in dieser Form nicht abzusehen.

Ich habe das auch nicht absehen können. Ich war 2008 in einem Haus in der Karl-Heine-Strasse. Das Haus gehörte damals einem Pakistani. Er hatte das Geld, um das Haus zu kaufen, aber nicht soviel, um es vollständig zu sanieren. Es wurde dann praktisch eine Haushalten-Sanierung gemacht, allerdings schon mit Heiß- und Kaltwasser. Das war alles. Strom musste sich jeder selbst ziehen. Dort hatte ich zwei Etagen für sieben Jahre, die ich dann untervermietet habe. Dann wurde neu verhandelt. Zu dieser Zeit war noch nicht abzusehen, dass sich die Karl-Heine-Straße so entwickeln wird. Ich habe damals mit dem Kunstkombinat Ausstellungen und Partys gemacht und das hat dann auch Aufmerksamkeit in der Kunstszene gezogen. Mittlerweile sind die Immobilienpreise ja explodiert. Jetzt geht das ja auch in die Seitenstraßen rein, wo dann auch viel saniert wird.

Bleibst du Wächterhausnutzer?

Ja, ich finde das Wächterhauskonzept toll. Du wohnst mit jüngeren Leuten zusammen, das hält einen älteren Menschen wie mich ja auch jung.

Info

Frank Michael Schwärzel ist gelernter Industriesteinmetz und arbeitet als Holzrestaurator, Bildhauer, Kunstmaler und Grafiker in Leipzig.

Credits

Das Interview führte Petra Mattheis.
Fotos von regentaucher.com.

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